Sonntag, 6. April 2008

Die Zeiten der Vergangenheit...

Bischof Adalbero von Laon schrieb um 1020 über die Hörigen:

"Diese armen Tröpfe besitzen nur, was sie sich um den Preis der Mühsal erwerben. Wer könnte, das Rechenbrett in der Hand, all ihre Plagen, ihre langen Märsche, ihre harten Arbeiten zusammenzählen? Geld, Kleider, Nahrung, all das beschaffen die Hörigen für alle Welt; kein freier Mann könnte ohne die Hörigen sein Leben fristen. Gibt es eine Arbeit zu verrichten? Will man Aufwand treiben? Wir sehen Könige und Prälaten sich zu Hörigen ihrer Hörigen machen. Der Herr wird vom Hörigen ernährt, er, der vorgibt, ihn zu ernähren. Und der Tränen und Seufzer des Hörigen ist kein Ende abzusehen."[1]

Die Lage der grossen Mehrheit der Menschheit im Mittelalter ist damit - von einem Repräsentanten jener Zeit - deutlich umrissen: Feudaloligarchie, wie sie heute noch in vielen Weltgegenden herrscht. Landadlige kontrollieren eine kleine Region mit Gewalt und pressen denen, die dort leben und das Land bewirtschaften, Abgaben ab, die sie verkaufen, um die Existenz ihres Clans zu sichern und ihren Reichtum und Einfluss zu vergrössern. Um dieses System am lebenden Modell zu studieren, müsste man nur risikofreudig genug sein, um eine Reise in die ländlicheren Provinzen von Afghanistan oder in ein beliebiges anderes Entwicklungsland zu unternehmen.

Im Unterschied zu heute gab es jedoch im Mittelalter nur eine hauchdünne Schicht von Bessergestellten, etwa Gelehrten, die es sich wie dieser Kirchenmann leisten konnten, sich politischen Reflexionen hinzugeben. Adalbero von Leon war sich also der Tatsache durchaus bewusst, dass die Adligen letztlich nur von den Abgaben lebten, die sie den Hörigen abpressten. Das Zitat ist auch deshalb bemerkenswert, weil es feststellt, dass die Verhältnisse propagandistisch umgekehrt werden: "Der Herr, der vorgibt, den Hörigen zu ernähren..." Ausserdem ist - auch wenn die Schrift als Ganzes durchaus nicht an der bestehenden Gesellschaftsordnung rüttelt, dem Zitat eine gehörige Portion Unrechtsbewusstsein zu entnehmen. Ein tiefes, natürliches Gespür sagt diesem Mann, dass es so nicht recht ist!

Dieser Aspekt des Mittelalters - die Ausbeutung und Unterdrückung des grössten Teils der Bevölkerung - wird in Ildefonso Falcones' genau recherchierten und fesselnd erzähltem historischen Roman "Die Kathedrale des Meeres" sehr plastisch dargestellt. Man bekommt einen Eindruck davon, wie es sich angefühlt haben muss, sein Leben in einer ausweg- und hoffnungslosen Plackerei zu fristen. Dass es allerdings in der Mitte des 14. Jahrhunderts, in der der Roman spielt, bereits zu brodeln begann und die unterdrückte Menge sich in Aufständen Recht zu verschaffen suchte (auch dies wird im Roman beschrieben, der Vater der Hauptfigur verliert in einem solchen Aufstand der Hungerleider sein Leben), ist für Astrologen durchaus begreiflich. Die Grossen Konjunktionen, die seit 1186 im Luftelement stattfanden, wechselten bereits im 14. Jahrhundert ins Wasserelement über. Immer wieder war es das Skorpionzeichen, in dem der Elementwechsel stattfand: Zuerst 1305, dann 1365 und endgültig dann mit der Dreifachen Grossen Konjunktion im Jahre 1425. Dem verfrühten Übergang ins Wasserelement entspricht kulturgeschichtlich der Übergang von der Gotik in die Frührenaissance.

Die Hauptfigur Arnau Estanyol, Sohn eines entflohenen Leibeigenen, macht ihren Weg in der Stadt Barcelona, in der der Landadlige nach Ablauf eines Jahres und eines Tages seine Besitzrechte am Leibeigenen verwirkt. Das klingt verlockend - aber die Stadt ist eine geschlossene Gesellschaft. Nicht nur wird sie mit Mauern und Wachen nach aussen geschlossen, sondern auch innerhalb der Stadt ist verloren, wer nicht ins Handwerks- oder Zunftwesen integriert ist. Dennoch macht Arnau seinen im wahrsten Sinne des Wortes steinigen Weg - als Steinträger für den Kathedralbau, später kommt er als Geldwechsler sogar zu Reichtum.

Arnau Estanyol ist gleichsam der moderne Zuschauer, der in diese Zeit hineinschlüpft. Arnau ist - fast als einzige Person des Buches - politisch korrekt im heutigen Sinne: Er verachtet die Juden und die Frauen nicht, sondern hilft ihnen noch in ihrer Not (nur seine geliebte Pflegetochter Mar gibt er, den damaligen Gepflogenheiten entsprechend, ihrem Vergewaltiger zur Frau - was er allerdings später bitter bereut), er lässt sich von fanatisch-religiösen Christen nicht belehren, auch nicht von seinem Wahlbruder Jaime, dem mit der Inquisition befassten Dominikaner, er hat den Patriotismus der Katalanen und den Familienstolz der Estanyols, auch als reicher Geldwechsler kennt er die sozialen Pflichten des Kapitals und vermeidet alle Geschäfte, die mit Sklavenhandel zustande kommen. Kurz - er ist ein vorbildlicher moderner Katalane, der in das 14. Jahrhundert versetzt wurde. So ist er als Identifikationsfigur für einen heutigen Leser natürlich geniessbarer als eine realistisch nachgebildete Figur des 14. Jahrhunderts, die uns angesichts des heutigen muslimischen Fanatismus merkwürdig still machen würde. Es ist, als wäre Arnau ein Zeitreisender, der eigentlich Ildefonso Falcones heisst und der sich im Spätmittelalter ein wenig umschaut. Ein durchaus legitimer erzähltechnischer Trick. Nur läuft man Gefahr, vieles nicht zu verstehen, wenn man mit den Augen der Neuzeit auf alte Epochen blickt. Vieles bleibt rätselhaft und unverständlich. Sowieso versagen die alten Zeiten stets an unseren modernen Ansprüchen. Aber vielleicht ist es gar nicht möglich, die Brille des eigenen Jahrhunderts abzulegen, wenn man auf andere Zeiten schaut? Wie es Goethes Faust zu seinem Famulus sagt:

"Mein Freund, die Zeiten der Vergangenheit
sind uns ein Buch mit sieben Siegeln.
Was ihr den Geist der Zeiten heisst,
das ist im Grund der Herren eigner Geist,
in dem die Zeiten sich bespiegeln."

Der Baueifer für Monumente wie die Kathedrale des Meeres bleibt in Falcones' Erzählung vollständig rätselhaft. Woher kam der Enthusiasmus der Menschen, die doch so knapp am Existenzminimum wirtschafteten, stets von Pestilenz, Krieg, Hungersnot und Teuerung bedroht waren? Was befähigte sie zu solch gewaltigen Anstrengungen? Reicht es, dies mit Lokalpatriotismus (Barcelona, Katalonien) zu erklären? Und kann es wirklich sein, dass ein Arnau Estanyol sich so ins Zeug legte, weil er glaubte, eine Marienfigur habe ihm beim Gebet zugezwinkert? Oder ist nicht vielmehr der Topos der zwinkernden Heiligenstatue eine neuzeitliche Legende, geboren aus dem Erklärungsnotstand für die uns Heutigen unfassbare Religiosität des mittelalterlichen Menschen?

Offenbar war dem mittelalterlichen Menschen eine aus transzendenter Quelle gespeiste Begeisterungsfähigkeit zueigen, die uns heutigen Menschen rätselhaft und nicht nachvollziehbar ist, so herrlich weit wir es auch gebracht haben in puncto Humanismus und Demokratie (wenn wir es denn hierin wirklich zu etwas gebracht haben sollten).



[1] zitiert in: Jacques Le Goff, Kulturgeschichte des europäischen Mittelalters, Zürich 1970, S. 425.

Keine Kommentare :