Sonntag, 19. Juli 2009

Ist das Wassermannzeitalter vielleicht nur ein Plutostand?

Die astrologische Zeitalterlehre im engeren Sinne behauptet einen Zusammenhang der Weltgeschichte mit dem rund 25960 Jahre währenden Umlauf der Äquinoktien (Präzession des Frühlingspunktes). Nach dieser Zeitalterlehre kann die Geschichte in Kulturepochen von 2160 Jahren aufgeteilt werden, je nachdem in welchem Sternbild sich gerade das Frühjahrsäquinoktium befindet, und wir leben aktuell in der Übergangszeit zwischen dem Fische- und dem Wassermannzeitalter.

Die geniale Idee, den Präzessionszyklus mit der Geschichtsbetrachtung zu verknüpfen, ist keineswegs so alt wie immer behauptet wird. Zwar gab es vor Erscheinen der Geheimlehre (1888) von Helena Petrovna Blavatsky, der Begründerin der Theosophischen Gesellschaft bereits viele astrologische Geschichtsbetrachtungen, zum Beispiel in Zusammenhang mit dem Zyklus der Jupiter-Saturn-Konjunktionen. Mir sind aber keine Quellen bekannt, die den Geschichtsverlauf in Zusammenhang mit dem Sternbild bringen, das am Morgen der Frühjahrs-Tagundnachtgleiche aufgeht - wie es die Theosophen und neuere esoterische Schulen tun.

In der Tat schreibt Blavatsky dem Astrologen Berossos eine auf dem siderischen Jahr basierende Geschichtstheorie zu. Berossos, ein aus Babylon stammender Baalspriester, lehrte im 5. Jahrhundert vor Christus auf der Insel Kos Astrologie. In Blavatskys Kosmogenesis lesen wir:

Nach Seneca lehrte Berossos die Prophezeiung eines jeden zukünftigen Ereignisses oder Umwälzung mit Hilfe des Zodiaks; und die von ihm für den Weltbrand – den Pralaya – und für eine Sintflut festgestellten Zeiten erweisen sich als übereinstimmend mit den Zeiten, die in einem alten ägyptischen Papyrus angegeben sind [hier wäre noch eine Quellenangabe nett gewesen, RP]. Eine solche Katastrophe kommt mit jeder Erneuerung des Zyklus des siderischen Jahres von 25868 Jahren. Die Namen der akkadischen Monate wurden benannt nach, und abgeleitet von den Namen der Tierkreiszeichen, und die Akkadier sind viel früher als die Chaldäer.[1]

Nun basiert die Theorie des Berossos, dass die Menschheit abwechselnd durch grosse Sintfluten und durch Weltbrände hindurchgehen muss, auf Stellien, Versammlungen aller Planeten, in den Tierkreiszeichen Krebs und Steinbock. Im Steinbock gibt es eine Sintflut, im Krebs dagegen, weil dieses Zeichen den Sommer einleitet, einen Brand. Für einen Babylonier gehören Fluten, Überschwemmungen zum normalen Jahreszeitenerleben des Winters, während der Sommer von sengender Hitze begleitet ist. Schon wenn wir Seneca nicht wie Blavatsky nur sinngemäss zitieren, wird klar, dass Berossos einen Planetenzyklus gemeint hat - vom siderischen Jahr keine Spur:

Berossos, der Priester des Belus, behauptet sogar, dass der Lauf der Planeten die Zeit einer Feuerkatastrophe und einer Überflutung bestimme. Und zwar wird ein Brand auf der Erde wüten, wenn alle Planeten, die jetzt in verschiedenen Bahnen wandern, im Krebs zusammenkommen, indem sie an derselben Stelle (des Himmels) stehen, so dass eine gerade Linie durch alle ihre Standorte hindurchgehen kann; eine Überflutung aber steht bevor, wenn die Schar derselben Planeten im Steinbock zusammenkommt.[2], siehe auch [3]

Blavatsky war ihrerseits durch die Werke des Astronomen und Historikers Jean-Sylvain Bailly beeinflusst, sowie durch vergleichende Religionswissenschaftler wie Gerald Massey. Eine vor Blavatsky datierende astrologische Quelle für die auf dem Präzessionszyklus basierende Zeitalterlehre ist mir nicht bekannt. Natürlich war die Präzessionsbewegung selbst den Astronomen und Astrologen seit Hipparch von Nicäa bekannt, also etwa seit 150 v. Chr. Aber, wie gesagt: Das Sternbild, in dem sich der Frühlingspunkt aufgrund dieser Bewegung rund 2160 Jahre aufhält, wurde vor den Theosophen von keinem Astrologen für Geschichtsdeutungen herangezogen. [4]

Die Lehre wurde jedoch im 20. Jahrhundert von den Astrologen freudig aufgegriffen, und es entstand eine Fülle von Datierungsversuchen für den Übergang vom Sternbild Fische in den Wassermann, der sich astronomisch nur auf einige Jahrhunderte genau festlegen lässt, da die Grenzen zwischen den Sternbildern ja willkürlich sind (im Gegensatz zu den Tierkreiszeichen: denn die Sternbilder sind nur Gruppen von Fixsternen, während die Tierkreiszeichen die Ekliptik in zwölf gleichgrosse Abschnitte einteilen, deren erster mit dem Frühlings- oder Widderpunkt beginnt).

Am plausibelsten erscheint mir die von W. Kestranek vorgenommene Datierung auf das letzte Viertel des 18. Jahrhunderts [5]. Er spricht von vier grossen "Manifesten des Wassermannzeitalters", nämlich

  1. Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung von 1776 mit den in der Präambel aufgeführten unveräusserlichen Rechten des Lebens, der Freiheit und des Strebens nach Glück, spricht "deutlich genug die Sprache des Wassermanns".
  2. Die französische Revolution, die am 14. Juli 1789 mit dem sogenannten Sturm auf die Bastille ihren Anfang nahm.
  3. Die Entdeckung des Planeten Uranus durch W. Herschel im Jahre 1781, der im Wassermann im Domizil steht.
  4. Das vertiefte Verständnis der Elektrizität durch Luigi Galvanis Froschschenkelversuche im Jahre 1780 und die Experimente von Alessandro Volta mit elektrischer Ladung (Elektrophor 1790, Voltasche Säule 1800). Die Aneignung dieser Naturkraft ist bis heute Grundlage des sogenannten technischen Zeitalters, das wesentlich mit dem Zeichen Wassermann verbunden ist.


Nur: Man braucht keine Präzessionsbewegung, um diese Zeit mit dem Wassermann in Verbindung zu bringen. Von 1777 bis 1797 durchlief Pluto das Zeichen Wassermann! Im Jahre 2023 wird er erneut in den Wassermann laufen. Ein guter Grund, in das 18. Jahrhundert zurückzuschauen, um nicht nur den aktuellen Wechsel Plutos in den Steinbock, sondern auch den bevorstehenden Übergang in den Wassermann besser zu verstehen. Denn im Grossen ist dies der Übergang Erde/Luft, in dem wir bereits seit dem Jahre 1980 stehen. Im Jahre 2020 werden die Grossen Konjunktionen endgültig ins Luftelement übergehen. Bis dahin leben wir in einer Erde-geprägten Zwischenzeit, in der sich die neuen Aspekte der Luft erst noch Geltung verschaffen müssen.

Der Anspruch der Zeitalterlehre, 2160 Jahre der gesamten Weltgeschichte mit einem einzigen Tierkreissymbol stempeln zu können, ist wahrscheinlich überzogen. Diejenigen, die aufgrund dieser vermutlich falschen Lehre in naher Zukunft ein Wassermannzeitalter erwarten oder dessen Beginn mit Kestranek auf das Ende des 18. Jahrhunderts datieren, liegen aber trotzdem richtig: sie beschreiben einen Plutostand. Pluto, der "Zwergplanet", der sich durchschnittlich 20 Jahre in einem Tierkreiszeichen aufhält (das ist zufällig auch die Zeit zwischen zwei Grossen Konjunktionen), klingt deutlich mit historischen "Mikrophasen" zusammen, wie Hartmut Radel in seinem kürzlich erschienen Buch Die Welt im Umbruch überzeugend darlegt.[6] Wer besser verstehen will, wie dem schützehaften Expansionsrausch der Jahre bis 2007/08 die Katharsis folgte und noch folgt, und welche weiteren Entwicklungen man hieraus prognostizieren kann, dem sei dieses Buch zur Lektüre empfohlen.


[1] Blavatsky, Helena Petrovna: Die Geheimlehre, Band I - Kosmogenesis, Teil B - Entwicklung der Symbolik, Verlag J. J. Couvreur, Den Haag o.J., S.712f.
[2] SENECA, Questiones naturales III 29.1, zitiert und übersetzt bei http://www.calendersign.com/de/ad-weltbild.php
[3] Schnabel, Paul: Berossos und die babylonisch-hellenistische Literatur, Teubner, Leipzig 1912/1923, S.182.
[4] Eine Kuriosität stellt jedoch Pierre d'Ailly (Petrus Alliacus) dar, der eine falsche Oszillationstheorie der Äquinoktien für eine Vorhersage heranzog, siehe http://www.astrologix.de/plan_001.htm. Wir finden bei ihm aber keine aus der Präzession abgeleitete Lehre von geschichtlichen Phasen oder Epochen.
[5] W. Kestranek, Die Bedeutung der Präzession für die Geschichte, Vortrag, gehalten am Pariser Kongress im Dezember 1953, in: Tradition und Fortschritt der klassischen Astrologie, Publikationen der Österreichischen Astrologischen Gesellschaft, Wien, Heft 3, 1956.
[6] Hartmut Radel, Die Welt im Umbruch?, scorpio Verlag, Berlin 2009.

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