Freitag, 17. September 2010

Die ganze Heilige Schrift?

Den Attentaten auf das World Trade Center ist es zu verdanken, dass die westliche Welt sich in den letzten Jahren verstärkt dem Thema Islam zugewendet hat. Was vorher in Debatten nur als Black Box unter der Aufschrift "Religion! – Inhalt egal! – Gemäss Religionsfreiheit zulässig!" gehandelt wurde, ohne dass man sich für die Inhalte der Black Box genauer interessierte, wird nun schonungslos ans Tageslicht gebracht und mit unserem heutigen Verständnis von Zivilisation, von Menschen- und Freiheitsrechten bewertet.

Dazu trägt nicht zuletzt auch das Internet bei, das von den unfreien Staaten zu Recht als natürlicher Gegner angesehen wird. Wenn es uns auch mit vielem Nutzlosen und vielen Unwahrheiten versieht, so kann doch wenigstens das Unliebsame nicht mehr ausgeblendet werden. Ein Verschweigen ist nicht mehr möglich: was man erfahren will, kann man erfahren. Prügelszenen spezieller SA-artiger Polizeitrupps im Iran können so zwar nicht verhindert werden, aber sie werden mit Handykameras gefilmt, auf Youtube und/oder private Webseiten hochgeladen und können von der Regierung später nicht mehr vertuscht werden. Das ist viel wert! Ähnlich wie man sich mit Google Earth jede beliebige Ecke der Welt heranholen kann, bieten die zahlreichen Blogs, Foren, Newsgruppen, Internetzeitungen und privaten Webauftritte die Möglichkeit, Themen bis in jedes gewünschte Detail zu vertiefen.

Seit bald einer Dekade also schauen wir uns die Inhalte des Islams und vor allem dessen gelebte Praxis, seine soziale Wirklichkeit genauer an als je zuvor. Und was dabei ans Tageslicht kommt, ist erschreckend für alle Gemüter, die an Freiheit als ein selbstverständliches Gut gewöhnt sind. Muslime, die im Westen leben, praktizieren die in ihrer Heimat beliebten Sitten und Bräuche auch hier: Zwangsverheiratung, Genitalverstümmlung, Ehrenmorde sind nur die Spitze des Eisbergs.

Plötzlich ist der Westen gezwungen, sich auch im Alltag mit diesen Bräuchen auseinanderzusetzen. Schnellimbissketten, Schulküchen und Süsswarenhersteller halten sich an die halal Speisevorschriften, um nicht den Missmut der muslimischen Mitbürger zu erregen - und sowieso lebt sich's halal gesünder! Wir lernen Begriffe wie Burka, Tschador und Hijab und diskutieren fachgerecht und "kultursensibel" mit (wie es die Integrationsbeauftragte Maria Böhmer fordert). Aber so sehr wir uns auch bemühen: In den Augen der muslimischen Welt, im muslimischen Rechtsverständnis sind wir als Dhimmis sowieso Menschen zweiter Klasse, wir bleiben sittenlose, dekadente Ungläubige oder Kreuzfahrer, unsere Kultur ist dem Untergang geweiht. Wenn Frankreichs First Lady sich dafür einsetzt, das barbarische Ritual der Steinigung an der im Iran zum Tode verurteilten Frau Ashtiani nicht zu vollziehen, darf sie von iranischen Muslimen in der dortigen (natürlich kontrollierten, also von der Regierung bewilligten bzw. beauftragten) Presse als Hure beschimpft werden, die ein ähnliches Urteil verdient hätte wie Frau Ashtiani.

Der Islam unterscheidet sich von den beiden anderen grossen monotheistischen Religionen durch seinen allumfassenden säkularen Anspruch. Er strebt - wie die Ideologien des letzten Jahrhunderts - nach Weltherrschaft, dem sogenannten "globalen Kalifat". Er will seine eigenen Rechts- und Strafbegriffe, die Scharia, für alle verbindlich machen. Für Christen und Juden dagegen ist die Umwandlung unserer Welt zu einem "Gottesstaat" nicht von Menschen zu machen, sondern trägt eschatologischen Charakter. Der Gott, der alles gemacht hat, macht am Ende der Zeiten einen neuen Himmel und eine neue Erde. Das ist ein wesentlicher Unterschied zum Islam, der von seinen Gläubigen fordert, im Hier und Jetzt durch kämpferischen Einsatz (wobei militärische Gewalt grundsätzlich nicht ausgeschlossen ist) einen Religionsstaat zu errichten.

Nun mag im Koran so vieles stehen. In der Bibel steht auch viel krauses Zeug, viel Unsinn, viel Grausames. Wir finden in ihr viele angeblich gottgegebene Tötungsgebote, darunter auch einen grossen Anteil von Steinigungsgeboten. Die Todesstrafe gilt laut Bibel für Homosexuelle (Lev 20.13), für Hexen (Ex 22.17), für Ehebruch (Lev 20.10), für vorehelichen Beischlaf (Dtn 22.13-21) oder auch ehelichen Beischlaf während der Menstruation (Lev. 18.29), für ruppige pubertierende Jugendliche (Dtn 21.21), etwa wenn sie gegen die als Erziehungsmittel einzusetzenden Prügel (Ps 34.11) resistent bleiben. Angeblich betrachtet Gott Frauen auch als den Männern minderwertig und gibt ihnen auf, sich den Männern unterzuordnen (z.B. Lev 27.3-7, Gen 3.16). Wenn ein Mann einen Eid schwört, so gilt dieser vor Gott. Der Eid einer Frau gilt dagegen nur, wenn ihr Ehemann – oder, wenn sie unverheiratet ist: ihr Vater – den Eid für gültig erklärt (Num. 30). Diese Gebote sollten Christen und Juden nicht unbekannt sein, denn sie stehen so in der Bibel, sind "Gottes Wort". Relevant sind all diese Dinge jedoch nur, solange sie von den Gläubigen ernstgenommen werden.

Juden und Christen glauben in der Mehrzahl heute nicht mehr an eine "Totalinspiration" der Heiligen Schrift: Sie glauben nicht, dass die Bibel den Menschen, die sie aufschrieben, Wort für Wort von Gott in die Feder gegeben wurde. Sie glauben nicht an die Göttlichkeit und Warheit der ganzen Bibel. Sie verstehen zum Beispiel, dass grosse Teile der Bibel nichts anderes als ein Strafgesetzbuch für ein Wüstenvolk im ersten vorchristlichen Jahrtausend darstellen und daher für uns Heutige keine Bedeutung, keine Gültigkeit mehr haben. Sie sind nicht göttlich, waren es auch nie, sondern sind eine Zugabe der Priester, die eben zugleich gesellschaftliche Ordnungsaufgaben hatten. Die Mehrheit der Juden und Christen kann dies zugestehen, ohne das Gefühl zu haben, dass ihrer Religion dadurch etwas abhanden kommt. Das Wesentliche ihres Glaubens ist durch diese Schriftstellen gar nicht berührt.

Ein Taizé-bewegter Mitschüler gab mir vor sehr langer Zeit eine Definition von Sekten, die mir schon damals durchaus nicht einleuchtete: "Sekten suchen sich aus der Bibel die Teile heraus, die sie gut finden." Das schien mir weder ein gutes Kriterium noch überhaupt verwerflich zu sein. Die ganze Bibel Wort für Wort zu glauben, ist wegen der in ihr enthaltenen Widersprüche und Übersetzungsfehler schon rein logisch ein Ding der Unmöglichkeit. Niemand, der noch bei Trost ist, kann das. Sicher, manche Widersprüche lassen sich mit Witz, Spitzfindigkeit und allegorischer Interpretation aus der Welt schaffen, gerade dann, wenn es um erhabene und hochgeistige Themen geht. Der Verstand kommt uns gerade bei den erhabenen und hochgeistigen Themen gern zuhilfe, um Widersprüche argumentativ auszusöhnen, wenn wir nur die Bibel als widerspruchsfrei sehen wollen. Statt auf widersprüchliche theologische Lehrsätze auszugehen (etwa: wird der Mensch "nicht durch Werke, sondern allein durch den Glauben" gerecht (Röm 3.28), oder wird er gerecht "durch Werke, nicht durch den Glauben allein" (Jak 2.24)? ), sollte man sich daher die ganz realen, alltäglichen, leicht nachprüfbaren Dinge ansehen – Nebensachen, Begleitumstände der biblischen Berichte. Auch diese dürfen ja, wenn die Bibel Wort für Wort von Gott gegeben wurde, keine Widersprüche enthalten. Es gibt brauchbare Listen solcher ganz trockener Widersprüche, z.B. von Jim Merrit.[1] Ein dort nicht enthaltenes, gleichwohl typisches Beispiel: Gab Jesus seinen Jüngern bei der Aussendung die Anweisung, einen Stab mitzunehmen (Mk 6.8), oder trug er ihnen auf, keinen Stab mitzunehmen (Lk 9.3)? Nur eine von beiden Anweisungen kann man zugleich befolgen! Die Logik sagt daher: Wenn Gott die Wahrheit ist (siehe z.B. Jo 14.6), sein Wort demnach insbesondere widerspruchsfrei ist, kann höchstens eine der beiden Bibelstellen Mk 6.8 und Lk 9.3 von Gott stammen!

Allein deshalb haben Christen aller Bekenntnisse also gar keine Wahl, als "die Teile herauszusuchen, die sie gut finden"! Niemand kann die Bibel ganz glauben. Nüchtern betrachtet, unterscheidet sich die Sekte von den katholischen und evangelischen Kirchen nur durch eine andere Auswahl und Interpretation der für sie massgeblichen Bibeltexte. Unter Umständen kommt bei manchen Sekten noch eine Neuoffenbarung hinzu, aber auch diese kann durch die biblische Ankündigung des Heiligen Geistes, "der uns alles lehren" werde (Jo 14.26), was Jesus uns noch nicht sagen konnte, legitimiert werden. Die Bibel aber Wort für Wort zu glauben, bedeutet nichts anderes als das eigene Urteilsvermögen an der Garderobe abzugeben. Das geht heute nicht mehr.

Jesus selbst fordert uns geradezu auf, unsere Vernunft nicht abzuschalten, wenn es um die religiöse Überlieferung geht. Dies wird meines Erachtens durch die Sabbat-Perikope (Mk 2.23-28) belegt. Jesus und seine Jünger schlagen sich verbotenerweise am Sabbat in ein Kornfeld, um sich an den Ähren gütlich zu tun. Als die Thorakundigen Jesus zur Rede stellen, antwortet er mit der bemerkenswerten Ausage: "Der Mensch ist nicht für den Sabbat gemacht, sondern der Sabbat für den Menschen". Hier gibt der Gottessohn den Menschen offensichtlich die Erlaubnis, selbst über die tradierten Gebote nachzudenken und kraft ihrer Vernunft zu den richtigen Schlüssen zu gelangen. Und diese Schlüsse dürfen offenbar auch dem überlieferten Gesetz entgegenlaufen, wie er durch sein Tun zeigt. Verallgemeinernd könnte man auch sagen: Nicht ist der Mensch für das Gesetz, sondern das Gesetz für den Menschen geschaffen. Diese Bibelstelle ist kein Einzelfall. Ganz ähnlich verhält er sich bei der Steinigung der Ehebrecherin – mit dem Ausspruch "Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein" (Jo 8.7) rettet er ihr das Leben. Wieder ergeht an uns die Aufforderung zum eigenen Urteil, das auch dann gültig bleibt, wenn es dem überlieferten, als gottgegeben erachteten Gesetz entgegenläuft!

Philosophen unterscheiden seit Plato gern den Verstand (dianoia) oder auch das gehirngebundene Denken (phren) von der Vernunft (nous). Der Verstand ist die Denkfähigkeit an sich. Die Urteilsfähigkeit gehört dagegen eher ins Reich der Vernunft, durch die das Denken an höheren, universellen Werten orientiert ist. Der Verstand lässt sich missbrauchen, um egoistische oder unrechtmässige Forderungen zu legitimieren. Wenn Luther von der "Hure Vernunft" sprach (die Vernunft ist die grösste Hure, die der Teufel hat [2]), meinte er in der Begrifflichkeit der Philosophen den Verstand, das rationale Argumentieren. Der Verstand ist neutral – gleichgültig dagegen, für welche Zwecke er eingesetzt wird. Aufgrund der Komplexität der Welt kann man oft gleich gute Argumentationsketten für These und Antithese aufbauen. Ähnlich einem käuflichen Gutachter, der je nach Auftraggeber rational begründet, dass Rauchen gesundheitsschädlich oder eher harmlos ist, kann der Verstand für beliebige Zwecke benutzt werden. Im Gegensatz zum zweckneutralen Verstand ist die Vernunft an unseren höheren Werten orientiert. Nur im Lichte der Vernunft können wir korrekt beurteilen, ob wir ohne Sünde sind und daher den ersten Stein werfen dürfen oder nicht, ob der Sabbat für den Menschen oder der Mensch für den Sabbat da ist usw. Der Appell Jesu an unsere eigene Urteilskraft ergibt nur Sinn, wenn wir unser Urteil mit Vernunft fällen. Sonst hätte er ja ein blosses laissez faire gemeint, ein "Folge deinen Wünschen, Antrieben und Begierden, wie sie gerade in dir aufsteigen" - der Verstand kann, wie Luther richtig bemerkt hat, all diese Wünsche und Begierden stets argumentativ unterfüttern.

Diesen Rückverweis auf die Vernunft, im Gegensatz zum blinden Glauben, der nicht fragen darf, kennt und beherzigt das Christentum schon sehr lange; um dies zu zeigen, zitierte Papst Benedikt in seiner Regensburger Rede den byzantinischen Kaiser Manuel II. Palaiologos, der im Jahre 1391 über genau diese Frage einen Briefwechsel mit einem persischen Gelehrten hatte. Manuels Position schloss den blinden Glauben, den Glauben als Unterwerfung aus: "Gott hat kein Gefallen am Blut, ... und nicht vernunftgemäß zu handeln, ist dem Wesen Gottes zuwider." [3]

Nur wenn das Kriterium der Vernunft fallengelassen wird, wird die Aussage, die Sekten würden sich die Teile aus der Bibel lesen, die ihnen passen, zu einem Vorwurf. Wenn die Auswahl rein willkürlich, nach persönlichem Geschmack erfolgt, fehlt ihr die Verbindlichkeit, die einer Religion notwendig zueigen sein muss. Es würde wieder der Mensch und sein Urteil über alles gestellt. Wir wären bei der sophistischen Auffassung vom Menschen "als Mass aller Dinge" (Protagoras), beim Gegenteil aller Religion, deren Eintrittsschwelle noch immer die Demut war: Anzuerkennen, dass es etwas Höheres gibt als uns selbst.

Wir haben heutzutage keine Alternative zu einem selektiven, vernunftgeleiteten Lesen der Heiligen Schrift: Wir könnten sie allenfalls noch ganz verwerfen – sie ganz anzunehmen, ist nicht möglich. Alle Buchreligionen – Islam, Judentum und Christentum – sollten, statt sich "die ganze Heilige Schrift" aufzubürden und sich damit ihr Leben und das ihrer Mitmenschen unnötig zu komplizieren, besser fragen, was denn das Wesentliche ihres Glaubens ist. Nur an diesem Wesentlichen gilt es festzuhalten - der Rest ist historischer Ballast.

Es ist möglich – das kann ich nicht beurteilen – dass vom Islam, wenn er sich einer solchen Prozedur unterzieht und bereit ist, die angeblich göttlichen Forderungen – die alten Nomaden-Normen, das Recht auf Ausrottung und Ausplünderung der Länder der Ungläubigen sowie den Anspruch auf Weltherrschaft – über Bord zu werfen, nichts mehr übrig bleibt. Dann kann es sein, dass wir im Moment nur das letzte Rückzugsgefecht, die Todeszuckungen des Islam erleben, bevor er in sich zusammenfällt wie ein Kartenhaus. Davon jedenfalls ist der Ex-Muslim und Islamkenner Mosab Hassan Youssef [4] überzeugt. Diese Perspektive ist nicht unmöglich - wir haben Ähnliches mit anderen Ideologien erlebt, sobald offenbar wurde, dass sie keine Substanz haben. Der blinde Glaube an eine wörtlich von Gott gegebene Schrift jedenfalls ist heute nur noch bei Preisgabe der Vernunft möglich.

[1] Jim Meritt: A List of biblical contradictions (1992). http://www.infidels.org/library/modern/jim_meritt/bible-contradictions.html#contradictions
[2] Dr. Martin Luthers Werke: Kritische Gesamtausgabe. (Weimar: Herman Boehlaus Nachfolger, 1914), Band 51:126
[3] Brief von Manuel II. Palaiologos, zitiert aus: Glaube, Vernunft, Universität - Papstrede vom 12.9.2006 in der Aula der Universität Regensburg, http://storico.radiovaticana.org/ted/storico/2006-09/94864_glaube,_vernunft,_universitat_-_papstrede_an_der_uni_regensburg.html
[4] Mosab Hassan Youssef: Islam is collapsing and will be gone in ten years, http://www.youtube.com/watch?v=vUQjk1YUq94

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