Freitag, 11. Februar 2011

Eine Mohammedstudie von Johannes Kepler

In einer kleinen, 1604 erschienen Schrift Judicium Kepleri de Prognostico P. Sutorii setzt sich der Astronom und kaiserliche Hofmathematiker Johannes Kepler mit einer Untersuchung des Astrologen Paulus Sutorius über Mohammed und die Zukunft des Islam auseinander. Dieser hatte laut Kepler prognostiziert, die Christenheit werde in den Jahren von 1604 bis 1644 besonders schweren Wirrnissen ausgesetzt, die als Strafe für ihre halsstarrigen Sünden[1] anzusehen seien. Die Schrift von Sutorius gipfelte in der Vorhersage, dass für das Jahr 1700 die von allen wahrhaftigen Christen sehnlich erwartete letzte Wiederkunft unseres himmlischen Königs und Heilands Jesu Christi sich herzu nahe und diese Welt hiermit ihr Ende nehmen werde.[1] Kepler nimmt zu der Schrift von Sutorius Stellung und diskutiert ihre astrologischen, politischen und historischen Argumente sehr ausführlich.

Für Astrologen ist es eine interessante Frage, welche Horoskope damals einer Untersuchung über den Islam zugrundegelegt wurden - denn um dessen Heimsuchungen handelt es sich bei den prophezeiten schrecklichen Wirrnissen.

Da Mohammed nicht fürstlicher Abstammung war, waren seine genauen Geburtsdaten unbekannt. Es scheint auch im Islam keine Quelle zu geben, in der eine Art zweifelsfreier, offizieller Geburtszeit mitgeteilt wurde (wohl aber gab es eine, dem Koran beigegebene Zeittafel mit einem Geburtsdatum, die er Chronicum ad Alcoranum nennt). Kepler fasst zusammen:

Mercator will, er sei geboren Anno Christi 569, Chronicum ad Alcoranum 571, 21. Sept., alii 596. 23. April, Sutorius 594, 23. April.

Kepler findet das Geburtsjahr 594 unplausibel. Denn damit wäre Mohammed zum Zeitpunkt der Hedschra erst 28 Jahre gewesen – zu jung für ein Unterfangen, das mehr im verborgenen Rat bestand als in blosser Kühnheit. Kepler wusste um die Hedschra als ein sicheres Datum: Denn gewiss, dass er anno 622, da er schon lange zuvor gepredigt gehabt, hat fliehen müssen und in solcher seiner Flucht sich zum weltlichen Haupt aufgeworfen. Später dazu: Er muss ohne Zweifel schon viele Jahre vorher mit seiner Lehre, für die ein rechtes Alter nötig ist, umhergezogen sein, bis er sich so viel Gefahr und Feindschaft auf den Hals geladen hatte, dass er entweichen musste.

Er geht nun auf die Deutung des Horoskops durch Sutorius ein, wobei er die Gelegenheit nicht auslässt, das Glücksrad (pars fortunae) als einen fiktiven Punkt zu erklären, dem man wie allen arabischen Punkten keine Bedeutung beizumessen habe.



Im Mohammed-Horoskop nach Sutorius ist der Mond eleviert und steht in den Fischen in seiner Erhöhung, ist demnach stark gestellt. Er bildet ein Sextil zu einer Merkur/Venus-Konjunktion und steht in Opposition zu Mars. Hierzu schreibt Kepler, dass die Vermischung Mercurii et Veneri in sextili Lunae zu allerhand Wollust neige. Welches sich wohl auf des Mahomet Lehre reimt, der die Polygamie zulässt; und weil aus der Geschichte bekannt ist, dass Kepler durch Heirat aufgestiegen ist, ist der Erfahrungssatz zu zitieren: wenn der Mond vornehm gestellt und von vielen Planeten durch Aspekte bestrahlt wird, wie hier, so bedeutet dies vornehme, reiche Heirat.

Obwohl er also das Horoskop von Sutorius in vielen Punkten für passend befindet, lehnt er es ab, weil der Geburtstermin nach seiner Ansicht zu spät sei. Er hält sich lieber an ein Chronicon Arabicum, das dem Koran beigefügt sei und als Geburtstermin den 21. September 571 mittags angibt. Da er den Mond dann mit 10° Widder angibt, muss er sich um einen Tag verrechnet haben, denn dort stand der Mond bereits am 20. September. Um der Nachvollziehbarkeit des Textes folgt hier die Geburtsfigur für den 20. September 571:



Alle Planeten ausser Mond innerhalb 45 Grad. Sonne Mond, Mars und Merkur sowie Drachenkopf und Drachenschwanz in der Nähe der Äquinoktialpunkte bedeuten eine herausragende Person, weil auch die Finsternisse dieses und des darauffolgenden Jahres in Widder und Waage stattfinden. Dazu führt Bodinus aus Plutarch an, dass die Finsternis in der Nähe von Äquinoktialpunkten immer grosse Veränderungenm gebracht habe. Saturn und Jupiter vereinigt am Anfang des Skorpions, unweit davon die Venus. Dies ist bedeutsamer, als wenn sie nur durch ein Sextil, und noch ausserhalb der wässrigen Zeichen, verbunden wären. Sonne und Mars vereinigt bringen eine mutige, vorwärtspreschende Natur. Mars und Merkur in einer fast gradgenauen Konjunktion bei Spica Virginis, [...] bedeuten einen Aufrührer, Räuber und Mörder, Betrüger [falsarium] und alles andere, was Röslin oben aus der blossen Triangulation beider Planeten deduziert.- Cardanus will, dass Spica Virginis in Zusammenhang mit der christlichen Religion steht. Hier würde nun der christlichen Religion grosser Schaden bedeutet, durch Mord und Lügen, propter Martem et Mercurium conjunctos Spicae. Dort aber, und wenn 594 das richtige Jahr wäre, stünde der gütige Jupiter bei Spica. Nun hat Mahomet der christlichen Religion nicht so gütlich getan, dass es dieser Bedeutung bedürfte.- Mond in Opposition Merkur bedeutet den grossen Geist, aber auch Verwirrtheit, Konfusion. Ebenso bedeutet der Vollmond nahe der Opposition des Mars Jähzorn. Diese beiden Deutungen sind übliche astrologische Regeln. [2]

Sutorius ist laut Kepler nun so vorgegangen, dass er aus Mohammeds Radixhoroskop gleichsam eine Allegorie macht und daraus durch Direktionen mit acht Signifikatoren die achtmal acht wichtigsten Änderungen im Türkischen Reich zwingend herleiten will. Kepler hält es dagegen für besser, mit einem Horoskop der Hedschra zu arbeiten, denn dieses würde gewissermassen der Krönung Mohammeds entsprechen: Es soll einen an diesen grossen Astrologen Röslin und Sutorios schon Wunder nehmen, dass sie die Inthronisation so gar nicht beachten, von der unsere astrologischen Autoritäten sonst so viel halten... es ist aus der Geschichte wohlbekannt, der erste Muharram [arabischer Monatsname], von welchem die Araber ihre Hedschra anfangen, sei der Tag, an welchem Mohammed ausgezogen und von seiner Banditenrotte zum Haupt gewählt worden war. Denn Hedschra heisst gemäss Scaliger so viel wie Verfolgung wegen des Glaubens, oder Exil. Dieser erste Muharram der Hedschra fängt nach jüdischer Art am Abend des 15. Juli an und fällt in den 16. Juli, einen Freitag, im Jahre Christi 622, und am Himmel ist folgende Figur gestanden:



Es folgt eine Deutung, die Kepler (wie so oft) nach den Regeln der Astrologen vornimmt, die nicht seine eigenen sind:

Ohne Zweifel haben Sutorius und Röslin diese Figur ignoriert, weil sie ihnen nicht sonderlich getaugt hat: Denn nach astrologischer Lehre findet sich hier nichts besonders Wichtiges, und Jupiter und Mars sind in entgegengesetzten Zeichen, Mars steht verworfen im achten Haus, Jupiter ist rückläufig, Glückspunkt mit Drachenschwanz im gegenüberliegenden Domizil des Saturn [in Wassermann], dieser selbst in seinem Fall [nämlich auch in Löwe], im Quadrat zur Himmelsmitte. Das wären schlechte Bedeutungen. Doch hätten sie auch manches gefunden, was zu loben gewesen wäre: Jupiter steht in seinem Domizil, im Trigon zum MC, Sonne und Mond in Rezeption, der Mond mit Drachenkopf, Regulus und Venus, dass also auch hier der Mond wieder trefflich passt. Ausserdem ist das Medium Coeli am Ort der grossen Konjunktion der Jahre 571 und 630 [nämlich am Anfang des Skorpion.] Auch der Jupiter, der den Ort der Grossen Konjunktion von 631 günstig bestrahlt [aus den Fischen], während die Sonne im dritten der Wasserzeichen steht [im Krebs]. Weil das Medium Coeli die Herrschaft bedeutet, könnten diese Konstellationen den Grossen Konjunktionen subsumiert werden, was die Argumentation Röslins weiter stützt, das wässrige Trigon würde die Mohammedaner begünstigen. Aber das Feuer kann er dann nicht verwerfen [als für die Mohammedaner irrelevant betrachten], weil der Mond darinnen so trefflich wohl steht. Auch würde die in diesem Reich herrschende Polygamie gut zu dieser Stellung des Mondes passen, weil wieder Venus und Merkur sich mit ihm mischen. Mars als Herrscher des Aszendenten [durch Erhöhung] und des Medium Coeli [durch Domizil], im Sextil zur Sonne und im Trigon zum Aszendenten bedeutet kriegerische, streitbare Regenten, im Haus des Merkur [Jungfrau] betrügerisch und treulos. Jupiter, Herrscher von Sonne und Mond [nämlich via Dekanat?], bedeutet aus religiösen Dingen abgeleitete Ehre und Herrschaft, und dass König und Priester eine Person sind. Saturn mit Mondknoten zwischen den Lichtern [also in der hier kurzen Strecke zwischen Sonne und Mond] steht für tyrannische Regenten und Zerstörer, für starke Polizei und Ordnung.

Dies alles habe ich nach den Lehren der Astrologen abgeleitet, um zu zeigen, dass es Sutorius gar nicht nötig gehabt hätte, in neuer, unpassender Weise aus der Nativität Mohammeds Direktionen zu berechnen, statt, wie es die Astrologen lehren, das Horoskop der Inthronisation für die Direktionen zu verwenden, das das Reich mehr betreffen wird als das persönliche Horoskop Mohammeds.


Vermutlich sind die hier aufgeführten Horoskope Mohammeds konstruiert. Auch die Araber waren der Astrologie mächtig und dürften ihren Propheten zu einer astrologisch passenden Zeit in die Welt treten lassen. Anders steht es um die Hedschra: Da mit der Hedschra tatsächlich eine neue Zeitzählung begann, ist dieses Datum vermutlich korrekt. Das Horoskop wird auch anderwärts in der astrologischen Literatur verwendet.[3] Ob die Geschichte des Islams wirklich in Konkordanz mit den Direktionen dieses Horoskops verläuft, wäre einmal zu untersuchen.

Der immer wieder hervorgehobene Zusammenhang mit der Mutation der Grossen Konjunktionen ins Wasserelement (Konjunktion vom 29.8.571 jul. auf 3°31' Skorpion) ist jedenfalls bedenkenswert. Interessant ist auch die Zuordnung des Wasserelements zum Islam und des Feuerelements zum Christentum (weil das Leben Jesu mit der Mutation ins Feuerelement begann), worin Kepler offenbar mit Röslin und Sutorius übereinstimmt.


[1] Kepler, Judicium de Prognostici P. Sutorii (1604), in: Opera Omnia, ed. C. Frisch, Band VIII, S. 302. Siehe http://books.google.de/ebooks/reader?id=-pcqAAAAYAAJ&printsec=frontcover&output=reader, das Gutachten beginnt auf S. 300. Alle im Text folgenden Zitate stammen aus diesem Gutachten Keplers. Die Wörter habe ich teilweise um der besseren Verständlichkeit in heutiges Deutsch übertragen. Kommentare in eckigen Klammern sind von mir hinzugefügt.
[2] Kepler findet einige dieser Konstellationen verwandt mit denen des ihm vorliegenden Lutherhoroskops für den 10. November 1483, 11. Stunde - und bemerkt an dieser Stelle, dass es einen Streit um das richtige Geburtsjahr Luthers gibt.
[3] So in José Luis San Miguel de Pablos, Uranus-Neptun-Konjunktionen, Verlag Hier und Jetzt, Hamburg 1993, S. 35. Ihm geht es um die Uranus-Neptun-Konjunktion vom 18.9.623 jul., die sich im Hedschra-Horoskop bereits anbahnt.

Keine Kommentare :