Samstag, 12. Juli 2008

Die Vermessung der Welt

Ein Romanschreiber kann sich Figuren mit den seltsamsten Eigenschaften ausdenken und sie nach einer selbstersonnenen Regie handeln lassen. Vielleicht will er einen Gegensatz von Persönlichkeiten herausarbeiten. Es macht sich gut, diesen frei erdachten Figuren die Namen historischer Persönlichkeiten wie Gauss oder Alexander von Humboldt anzuhängen. Dann fährt man ein bisschen im Kielwasser ihrer Berühmtheit und kann darüberhinaus noch auf ein reiches anekdotisches Material zurückgreifen. Das ist die Methode des Thomas-Mann-Preisträgers Daniel Kehlmann in seinem Roman Die Vermessung der Welt[1]. Schön, wenn er dieses Rezept noch selbstironisch reflektiert, wenn er Alexander von Humboldt seine Meinung sagen lässt,

Stilisierung verfälsche die Welt. Bühnenbilder etwa, die nicht verbergen wollten, dass sie aus Pappe seien, englische Gemälde, deren Hintergrund in Ölsauce verschwimme, Romane, die sich in Lügenmärchen verlören, weil der Verfasser seine Flausen an die Namen historischer Persönlichkeiten binde. (S. 221)

(Abscheulich, sagte Gauss.) Es erübrigt sich zu sagen, dass die Zeichnung der Charaktere demnach frei erfunden ist, wenn auch die Eckdaten der Lebensläufe korrekt sind. Es ist eben keine Biographie, sondern ein Roman. Was sind es also für Figuren, die da aufgebaut werden?

Ein schöner Gegensatz zwischen dem Stubenhocker Gauss, dem jeder Reise ein Greuel ist, und dem Abenteurer Alexander von Humboldt. Beide sind sie Männer der Wissenschaft, die nüchterne, aufgeklärte Weltsicht, das Ideal der messbaren Welt eint sie. Aber die Temperamente könnten nicht verschiedener sein. Gauss ist bei Kehlmann das fleischgewordene "Drama des begabten Kindes" - ein Mensch, der nicht versteht, wieso alle Mitmenschen so entsetzlich träge im Geist sind und nicht einmal die einfachsten Zusammenhänge einsehen. Daraus kann eine kaum zu ertragende Überheblichkeit resultieren, auch Grobheit und soziales Desinteresse.

Das äussere Leben von Gauss wird noch viel langweiliger gewesen sein als Kehlmann es dargestellt hat - hat er doch alle Begeisterungskräfte, die dem Leben zueigen sind, in seine Forschungen gesteckt. Wirklich spannend, ja fesselnd und voll Schönheit sind die geistigen Reisen, die Gauss unternommen hat - diese interessieren Kehlmann jedoch nicht so sehr wie seine Hurenbesuche in Göttingen, so dass man sein Werk auch nicht in der Rubrik Wissenschaftsroman einordnen darf. Wenn es etwa heisst, ein russischer Mathematiker (Lobatschewski) habe

ihm eine Abhandlung geschickt, in der die Vermutung geäussert wurde, dass Euklids Geometrie nicht die wahre sei und parallele Linien einander berührten, (S. 273),

so merkt man, dass den Autor nicht die Sache interessiert, sondern die an die Sache geknüpfte Anekdote. Denn Euklids Geometrie bleibt sicher wahr, sie ist bloss nicht die einzig wahre (dieses Wörtchen "einzig" hätte alles gerettet), sondern nur eine von vielen möglichen Geometrien - eine Geometrie, in der das Parallelenaxiom gilt.

Eine schöne Neuauflage des Motivs von Don Quijote und Sancho Panza erleben wir in den Amerikareisen von Humboldt mit seinem Assistenten (Entschuldigung: Kollegen!) Bonpland. Die Reisen durch schwüle Urwaldzonen und frostige Bergeshöhen (sie bestiegen unter anderem den 6.300 Meter hohen Chimborazo) liest man mit Kurzweil und Amüsement. Hier ist Humboldt der von seinen Ideen hektisch vorangetriebene Don Quijote, der jede freie Minute zur Positions- oder Höhenbestimmung mit Sextant, Chrono- und Barometer verwendet, während Blonpland viel weniger Initiativkraft hat und von sich aus im Zustand der Ruhe und des Wohllebens verharren würde, wenn ihn Humboldt nicht immer wieder antriebe - so gelangt er ganz automatisch in die Rolle des Assistenten, der Pflanzenpräparate, Gesteinsproben etc. sammeln und beschriften muss. Sicher auch eine ungerechte Vereinfachung - aber ein Romanautor darf sich so etwas erlauben.

Im Ganzen eine lesenswerte Urlaubslektüre, die sich geniessen lässt wie ein guter Wein - besonders gut in einer passenden Umgebung, etwa in einem Obwaldner Ferienort mit Blick auf die schönen Schweizer Berge und den Lungerer See.


[1] Daniel Kehlmann, Die Vermessung der Welt. Rowohlt, Hamburg 2008.

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