Samstag, 26. Juli 2014

Gewollte Herrschaft

Eine verbreitete Geschichte über unsere Geschichte liest sich so:
Jahrtausendelang lebte die grosse Masse der Menschen fremdbestimmt, fremdbeherrscht – bis schliesslich im 18. Jahrhundert einige aufgeklärte Erlöser wie Herr Jean-Jacques Rousseau die Bühne der Weltgeschichte betraten und uns alles erklärten – und die dann folgende glorreiche Revolution alles veränderte.

Vorher ächzten die Menschen unter der Knute von Ausbeutern: dumpf und unbewusst vegetierten sie dahin, fristeten ein Leben, das bis zum frühen Tod nur aus Mühe, Arbeit und Krankheit bestand. Gewaltsam hielt man sie von aller Bildung fern, mit der sie Einsicht in ihren unnatürlichen Zustand und die ihnen eingeborenen Rechte erlangen könnten. Die Ausbeuter aber – die Grundherren, der Adel, der Klerus – liessen es sich gut gehen und prassten.

Mit schönen, aber durch und durch verlogenen Worten von Gott, jenseitiger Glückseligkeit und Strafe machten sie die Massen glauben, Gehorsam zu ihnen sei eine göttlich verordnete Pflicht. Dabei schlugen sie sich ihre fetten Wänste mit den geraubten Gütern voll, die sie gierig den geschundenen Menschen entrissen hatten. Dann aber kam die grosse, ruhmreiche Französische Revolution, und es hatte mit dieser Ausbeuterei ein Ende. Die Menschen knüpften ihre schmarotzende Oberschicht an den Laternen ihrer Hauptstadt auf, und es begann eine glückliche, gute, friedliche Zeit, ohne Herrschaft und Unterdrückung.

Einige Geschichtenerzähler hören an dieser Stelle auf. Andere, denen mittlerweile aber sowieso keiner mehr zuhört, fanden die Sache mit dem Aufknüpfen so interessant, dass sie das Spiel gerne noch einmal wiederholt sehen wollten: Dazu erzählten sie die Geschichte so weiter, dass jener erste Umsturz nur ein Anfang war, der den Auftakt zur Bildung einer neuen, noch widerlicheren und noch fetteren Schicht von Ausbeutern bildete, derer sich die Massen nun in einem neuen Umsturz zu entledigen hätten.

Das ist eine heute häufig verbreitete Geschichte, die zeigen soll, wie wir's zuletzt so herrlich weit gebracht haben (Wagner im Faust). Wir Zuhörer sollen uns die Ansicht zueigen machen, dass es einen fundamentalen Bruch zwischen der Welt vor und seit der Aufklärung gibt, dass von nun an der Sinn aller weiteren Geschichte darin bestehe, uns von schlechthin allen Fesseln zu befreien, die uns noch an "versteinerte" (also hergebrachte, altbewährte) Verhältnisse ketteten. Jede soziale Norm und jedes Tabu müsse kritisch hinterfragt werden. Nur wenn die Selbstbestimmung global und permanent durchgesetzt sei, hätten wir endlich jene herrschaftsfreie, friedvolle, grundgute Welt erreicht, die schon den Akteuren der Französischen Revolution als Zukunftsbild prophetisch erschienen sei (die sie selbst jedoch "noch nicht ganz" hätten verwirklichen können).

Indem ich es so holzschnittartig reduziere, sollte jedem dämmern, dass es sich hier um eine moralisierende Geschichtskonstruktion handelt. Es geht bei diesem Märchen offenbar nicht darum, wie es wirklich war, sondern um die Rechtfertigung einer bestimmten Denkweise - es ist nicht Geschichte, sondern ein erzieherisches Lehrstück. Nur um eine "Moral von der Geschicht'" zu transportieren, werden die Bande der historischen Kontinuität gekappt, die uns mit unseren Vorfahren verknüpfen. Religion ist gemäss diesem Lehrstück nichts weiter als Herrschaftsideologie - wir können sie also hinter uns lassen. Ebenso sollen wir Bande der nationalen und familiären Solidarität verwerfen, weil sie nur noch verbliebene, rückständige Hemmnisse individueller Freiheit darstellten. Traditionen - weg damit! Autorität, Herrschaft und Gewalt - seien böse und, wenn wirklich notwendig, dann zumindest immer fragwürdig, jedenfalls wenn sie nicht benutzt werden, um das beschriebene Ideal der individuellen Selbstbestimmung zu erreichen.

In bäuerlichen Ländern, in denen die Herrschaft nicht durch die offizielle Regierung, sondern lokal durch Familienverbände, Sippen und die sogenannten "local influentials" ausgeübt wird, kann man heute noch beobachten, wie Herrschaft in einer urtümlichen Agrargesellschaft funktioniert. Es stimmt: Der Stammesfürst hat Privilegien und übt Herrschaft aus. Aber es ist eine grobe Vereinfachung zu glauben, dass sich der Stammesfürst alles erlauben könnte oder dass er seine Herrschaft mit einem Gespinst von Lügen aufrechterhält. In Wahrheit wollen die Menschen diese Form der Herrschaft, sie haben sich den Stammesfürsten ernannt, damit er gewisse Dinge regeln kann, die im gemeinsamen Interesse aller dort lebenden Sippen liegen.

Herrschaft existiert also nicht um ihrer selbst willen, sie wurde nicht von bösen Menschen erfunden, die es besser haben wollen als ihre Mitmenschen, sondern Herrschaft ist ein Amt, erfüllt eine gesellschaftliche Funktion. Wenn der Herrscher in seinen Pflichten säumig wird, wird er kurzerhand zum Teufel gejagt. So war es schon zur Zeit der alten Inder und Perser, deren Herrscher ein entscheidendes Amt hatten: die gemeinsam genutzte Bewässerungs-Infrastruktur aufrechtzuerhalten – und die weg vom Fenster waren, wenn sie in dieser Aufgabe fehlten. Im wesentlichen ist es so bis in unsere Zeit geblieben: Herrschaft legitimiert sich dadurch, dass gesamtgesellschaftlich als notwendig angesehene Einrichtungen betrieben werden.

Erst heute, mit der Aufkunft totaler staatlicher Herrschaft, kann Herrschaft sich so weit verselbständigen, dass die Abschaffung dysfunktionaler Eliten unmöglich wird. George Orwell hat diese Perpetuierung der Herrschaft in seiner Dystopie "1984" gezeichnet, und sie ist durchaus realistisch, wie das Beispiel Nordkoreas zeigt: In Nordkorea wird es vermutlich auf lange Sicht keinen Regimewechsel von innen mehr geben, nur der Tod des Führers bedeutet einen kurzen Moment der Instabilität.

Für geschichtliche Zeiten gilt aber zusammenfassend: Die Menschen, die keine Herrschaft innehatten, waren keineswegs bloss die armen Opfer einer "illegitimen" Herrscherkaste, sondern sie bejahten die Herrschaft und trugen sie mit.

Auch für die Religion gilt - zumindest in Europa: "Zum Klatschen gehören zwei Hände"! Ohne Zustimmung der Bevölkerung hätte kein Papst und kein Priester etwas zu melden gehabt. Während die Religion durch die am Anfang dargestellte Geschichtskonstruktion zu einem Lügenmärchen degradiert wird, das nur der Sicherung der Herrschaft diene, ist es realistischerweise so, dass der Mensch ein metaphysisches Bedürfnis hat, dass er sich also Religionsgemeinschaft als soziale Gestalt für eine in seinem Wesen veranlagte spirituelle Suche erschafft: er stützt und fördert aktiv eine der Pflege des Spirituellen dienende Gemeinde. Religion hätte in der europäischen Geschichte keinen Bestand gehabt, wenn sie nicht selbst einen wesentlichen Teil des Menschen darstellte. Unter Zwang allein wäre das Christentum nicht zur herrschenden Religion geworden, wären nicht die vielen Denkmäler des Christentums entstanden, die Kathedralen und Klöster, unter Zwang hätten die Menschen nicht ihr Leben für den Glauben gegeben. All dies geschah nur aus Hingabe an das Christentum, das sie selbst als für sie richtig, als wahre Heilslehre ansahen.

Demgegenüber steht die Behauptung mancher Aufklärer, die Kirche hätte die Menschen gezwungen, ihre religiösen Lehren nachzusprechen, und kein Mensch, der vor dem 18. Jahrhundert lebte, hätte ehrlich und ernsthaft diese Kirchendogmen geglaubt. Unbestritten ist natürlich, dass "Häretiker" verfolgt wurden. Das ändert aber nichts daran, dass die Kirche sich des Rückhalts in der Bevölkerung sicher sein konnte. Es ist unrealistisch zu glauben, man könnte ein ganzes Volk mit Gewalt zum Nachbeten von religiösen Bekenntnissen zwingen. Es muss etwas widerhallen in den Menschen, die Lehre muss auf einen Resonanzboden treffen, etwas in ihnen ansprechen.

Sobald man aber zugesteht, dass Politik und Religion vor der Aufklärung auf der Zustimmung der Völker basierten, ja diese Zustimmung zur Voraussetzung hatten, stellt die Revolution nicht mehr den fundamentalen Bruch dar. Es gab vor ihr Herrschaft und Glaube, Völker und Familien, Gesetz und Recht - und es gibt sie danach. Die Geschichte taugt nicht mehr als Schwarzweissfolie, um das Fortschrittsdenken zu legitimieren.

Unbestritten hat die Revolution etwas geändert: Die erblichen Privilegien für Herrschaft wurden beseitigt, stattdessen kehrte man zum antiken System gewählter Volksvertreter zurück; der staatliche Schutz von Eigentum und Freiheit und die daraus resultierende soziale Mobilität ermöglichten in Folge ein beachtliches wirtschaftliches Wachstum.

Das ist aber nicht der Unterschied von Tag und Nacht, als der er uns oft präsentiert wird, sondern eine verbesserte rechtliche Stellung des Einzelnen und seines Eigentums. Es schiebt sich keine Kluft zwischen uns und unsere Vorfahren, sondern sie sind uns im Denken nahe, und es ist hilfreich, diese Nähe zu suchen.

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