Sonntag, 22. April 2012

Was sind deine Werte?

In zwei Beiträgen habe ich mich auf diesem Blog bereits mit dem Thema Islam befasst.
  • In Die Ganze Heilige Schrift? ging es um die Rolle der Vernunft im Glauben, und darum, ob Anhänger einer Religion es sich erlauben können, kraft ihrer eigenen Vernunft Teile ihrer Heiligen Schrift für obsolet, ungültig oder falsch zu erklären.
  • In Allahs ist nicht der Okzident! ging es mir um die Frage, welche Haltung für abendländische Menschen in Bezug zum Islam angebracht ist.
Hier folgt nun ein kleiner Rückblick auf ein Gespräch, das ich in der Fussgängerzone mit den Koranverteilern geführt habe.

Die Koranverteiler sind rhetorisch gut geschult. In dem zweistündigen Gespräch, das ich mit ihnen hatte, wandten sie gern das Tu quoque-Argument an[1]: Statt auf die kritischen Fragen zu ihrer eigenen Religion einzugehen, wechselten sie schnell zum Christentum (in dem sie übrigens sehr gut bewandert waren. Sie konnten ebenso korrekt aus dem NT zitieren wie aus dem Koran), insbesondere zu den Kreuzzügen, oder versuchten, mir eine Verurteilung der NATO-Operationen in Afghanistan abzuringen, obwohl das gar nicht Thema war. Man muss sie dann klar wieder auf den Islam selbst zurückweisen: Wir haben doch gerade über den Vers soundso gesprochen, wie ist das jetzt damit!

Für diese - wie für die meisten - Moslems ist die Sunna, also die Überlieferung der Taten und Aussprüche des Propheten, ebenso heilig wie der Koran. Den schiitischen Islam lehnen sie als Irrlehre ab. Sie sagten mir klar: Die Schiiten sind keine Moslems. Daher waren natürlich die Hinweise auf das, was im Mullahregime Iran so praktiziert wird, für sie bedeutungslos. Man sollte sich für Diskussionen also besser mit ähnlichen Fällen aus Saudi-Arabien oder auch Pakistan wappnen, in denen es ja nicht weniger barbarisch zugeht.

Interessant war, dass sie all diese Dinge, die wir als barbarisch empfinden, nicht ummänteln, um sie für unsere Ohren geeignet zu machen, sondern sie geradeheraus verteidigen. So zum Beispiel rechtfertigten sie mir den Mordbefehl für Apostaten gemäss
Sure 4:89 Und wenn sie sich abwenden, dann greift sie und tötet sie, wo immer ihr sie findet, und nehmt euch niemand von ihnen zum Freund oder Helfer![2]
Und so machten sie mir diesen Befehl Allahs begreiflich: Wenn jemand die süsse und reine Wahrheit des Islam bereits gefunden hat und sich dann von dieser Wahrheit wieder abwendet, so ist das eines der schlimmsten Verbrechen, dessen man sich schuldig machen kann. Zumindest wenn man geistig gesund ist. Daher wird in einem solchen Fall zuerst geprüft, ob der Apostat vielleicht geistig krank ist, wirr. Wie könnte er sonst den Islam verlassen? [Hier lief es mir kalt den Rücken herunter, angesichts des Missbrauchs der Psychiatrie in totalitären Systemen.] Wenn das nicht der Fall ist, der Glaubensabfall also bei voller geistiger Gesundheit erfolgte, muss er mit dem Tod geahndet werden.

Sie sagen aber: Da sie sich an die hier geltenden Gesetze halten, praktizieren sie diese Gebote nicht, sondern machen nur "dawa" (ihr Name für Mission, obwohl sie das Wort Mission vehement ablehnen), bis möglichst viele Menschen Moslems sind und das Scharia-Recht auch hier praktiziert werden kann.

Sie machen, soweit ich das sehe, keine Taqiya, sondern sprechen die Dinge klar und ehrlich aus, wie sie sie wirklich sehen. Daher kann man viel von ihnen über den Islam lernen. Sie können alles, was sie sagen, mit dem Koran und der Sunna (die sie auch heranziehen, wenn auch weniger häufig) gut belegen. Da sie den Islam voll und ganz ernstnehmen, sind sie die besten Zeugen für die Glaubensinhalte des Islam. Es gibt keinen Grund, sie im Vergleich zu anderen Moslems herabzusetzen, die ihren Glauben nicht so ernstnehmen wie sie (wie das in den Medien z.Zt. gemacht wird, um eine politisch korrekte Linie zu finden).

Die Verszählung in der von den Salafisten herausgebrachten Koran-Ausgabe weicht bei einigen Versen um eine Ziffer von der Zählung bei Max Henning (die Reclam- und VMA-Verlags-Ausgabe, die ich verwende) ab. Die Übersetzung ist aber, zumindest in den Fällen, in denen ich das geprüft habe, sinngemäss gleich. Der Sinn scheint mir nicht entstellt oder beschönigt zu werden.

Inspiriert von den "Themenkomplexen" des Islam aus dem Buch von Manfred Kleine-Hartlage[3], könnte man folgende Suren als Aufhänger verwenden, um die Inkompatibilität des Koran mit dem westlichen Wertesystem klarzustellen. Sich auf die Ebene von Koranzitaten zu begeben, ist natürlich problematisch, denn jemand, der Tag und Nacht seine Nase in dieses Buch steckt, wird argumentativ besser gewappnet sein, als ein nur sporadischer Leser. Dennoch sind die zitierten Verse so klar, dass es schwer sein dürfte, sie als Fehlübersetzung oder als "aus dem Zusammenhang" gerissen zu entkräften. Zudem zeigt ein Blick auf die Welt, dass diese Grundsätze von Moslems auch genau so praktiziert wurden und werden.

1. Ungläubige sind minderwertig und müssen physisch vernichtet werden

Sure 2:191 Tötet sie, wo immer ihr auf sie stosst, und vertreibt sie, von wo sie euch vertrieben haben; denn die Verführung zum Unglauben ist schlimmer als Töten.
Sure 9:111 (oder 110): Siehe, Allah hat von den Gläubigen ihr Leben und ihr Gut für das Paradies erkauft. Sie sollen kämpfen in Allahs Weg und töten und getötet werden.
Sure 8:55 Siehe, schlimmer als das Vieh sind bei Allah die Ungläubigen, die nicht glauben.
Hier entgegneten die Koranverteiler: "Die Tötungsbefehle waren historisch im Zusammenhang bestimmter Schlachten und gelten nur für den Fall des Krieges gegen die Ungläubigen." [3a]

Es muss aber offenbar eine grosse Fraktion von Moslems geben, die diese Befehle ernstnehmen und glauben, dieser Kriegsfall sei eingetreten und gelte bereits jetzt und weltweit: Zum Beispiel gilt das für die Ausführenden der aktuell 18'770 tödlichen Anschläge, die seit 2001 im Namen des Islam verübt wurden.

Ausserdem machen sich die Nichtmoslems, wenn sie diese Argumentation akzeptieren, davon abhängig, wann es den Moslems beliebt, ihnen den Krieg zu erklären. Sie können dann nichts anderes als hoffen, dass deren Religionsgelehrte gerade nicht den Dschihad ausrufen.

Dazu kommt, dass das Glaubensvorbild der Mohammedaner, der Prophet Mohammed, der an mindestens 27 Raubzügen persönlich teilnahm (die Zahlen variieren von 27 bis 70), alle 700 Männer des jüdischen Banu Qoraish ermorden liess, weil sie nicht zum Islam übertreten wollten. Nicht nur der Koran, sondern auch das Leben Mohammeds zeigen also, dass diese Tötungsaufrufe ernstzunehmen sind.

Alle Nichtmoslems sind Kuffar, was bedeutet: sie sträuben sich gegen "die Wahrheit". Sie kämpfen aus niederen Beweggründen dagegen, die klare und offensichtliche Wahrheit anzuerkennen, die Allah ihnen offenbart hat. Sie sind die eigentlichen Täter, weil sie gegen den Islam kämpfen, indem sie ihn für sich ablehnen. Sie zu töten, ist in islamischem Sinne daher nur Selbstverteidigung. Diese Täter-Opfer-Umkehr ist ein typisches Denkmuster. Wir finden sie auch bei Ehrenmorden (die "natürlich nichts mit Islam zu tun haben"): Die Ermordung des Mädchens, das der Hölle des islamischen Patriarchats entkommen wollte, ist ein Akt der Notwehr. Das Mädchen war die Täterin, die Familie das Opfer.

2. Islam muss die ganze Welt beherrschen

Sure 8:39: Kämpft gegen sie, damit keine Verführung mehr stattfinden kann, bis sämtliche Verehrung auf Allah allein gerichtet ist.
Das ist - in Zusammenhang mit dem Aufruf zur Gewalt nach dem ersten Punkt - das Programm für die Errichtung des globalen Kalifats. Das macht den Islam zu einer ähnlichen Gefahr für die Freiheitsrechte wie andere totalitäre Systeme. Die Geschichte zeigt, dass dieses Programm gnadenlos verfolgt wird. Der Kommunismus erreichte "nur" einen Body Count von 100 Millionen Toten (siehe Courtois' Schwarzbuch des Kommunismus). Der Islam forderte in den letzten 1400 Jahren dagegen 270 Millionen Todesopfer
Sure 3:110 Ihr seid die beste Gemeinde, die für die Menschen entstand. Ihr heißet was Rechtens ist, und ihr verbietet das Unrechte und glaubet an Allah.
Das heisst in der Konsequenz, das islamische Recht muss zum universellen Recht gemacht werden. Deutlicher lässt sich der politische Anspruch des Islam nicht dokumentieren.

3. Frauen dürfen geschlagen und jederzeit benutzt werden

Sure 4:34 Die, deren Widerspenstigkeit ihr fürchtet: Ermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie.
Sure 2:223 Eure Frauen sind euch ein Acker. Geht zu eurem Acker, wann immer ihr wollt.
Die Argumente der Moslems zur Zwangsehe lauteten, leicht verkürzt: "Gerade weil uns die Frauen so kostbar und lieb sind, gibt es diese Regeln. Die Männer - die Väter und Brüder - wissen doch, wie schlecht Männer sind. Sie sollen für das zarte, junge Mädchen entscheiden, wer der richtige Partner fürs Leben für sie ist."

Dann nutzten sie wieder unseren gutmenschlichen "Fass dich an die eigene Nase"-Reflex aus, indem sie schnell zu einer Kritik an der westliche Lebensweise überwechselten, die sie als "dekadent" anprangerten – womit sie zugegebenermassen einen kritischen Punkt berühren, gewissermassen die Kehrseite dessen, war das Büchlein Why the West is Best von Ibn Warraq als die Faktoren für den wirtschaftlichen, wissenschaftlichen und kulturellen Erfolg des Westens beschreibt: zu diesen Faktoren gehören neben der typisch westlichen Experimentierfreude, Wissbegierde und Neugier auf das Andere auch die Bereitschaft, die eigenen Positionen kritisch zu reflektieren, dem Opponenten seine Berechtigung zu lassen – und die Wertschätzung des Individuums: der einzelne ist es, auf den es ankommt; der einzelne soll auf sein Gewissen und sein Verantwortungsgefühl hören und aus sich selbst denken und handeln. Das funktioniert, solange diese Verantwortung auch noch gefühlt und wahrgenommen wird. Wird sie es nicht mehr, dominiert nur noch der individuelle Lebensgenuss und die berühmte "Selbstverwirklichung", so wird die Substanz aufgezehrt, von der die Gesellschaft lebt. Es kommt zur Dekadenz.

Wobei es Auswüchse natürlich überall gibt. Im Iran gibt es z.B. die Perversion der "Zeit-Ehe", eines gültigen Ehevertrags, der auf 12 Stunden oder einige Tage beschränkt werden kann, d.h. eine vom Islam legalisierte Form der Prostitution. Aber der Mullah-Iran hat ja auch wieder "mit dem Islam nichts zu tun".

Im Kontext der strikten Trennung von Gläubigen und Ungläubigen ist auch das koranische Verhüllungsgebot zu sehen:

Sure 33:59 O Prophet! Sag deinen Frauen und Töchtern und den gläubigen Frauen, sich zu bedecken. Dadurch werden sie erkannt und vermeiden es, belästigt zu werden. Allah ist der Vergebende, Gnadenvolle.
Die Frauen der Moslems sollen sich also bedecken, um als Moslemfrauen erkannt und von den Glaubensbrüdern in Ruhe gelassen zu werden - im Gegensatz zu den nicht bedeckten, nichtmoslemischen Frauen. Tatsächlich ist diese Unterscheidung bereits im Kopf der jugendlichen Moslems eingebaut, wie z.B. die Dokumentation Kampf im Klassenzimmer offenbart: Die moslemischen Frauen tragen den Schleier und sind "sauber", im Gegensatz zu den eingeborenen deutschen Frauen, den "Schlampen". Bezness und Loverboys sind traurige Konsequenzen dieser Lehre.

4. Abschottung

Sure 5:51 O ihr, die ihr glaubt: Nehmt nicht die Juden und Christen zu Freunden.
Sure 3:118 Schliesst keine Freundschaft, ausser mit euresgleichen.
Das ist eigentlich eine Konkretisierung des ersten Punktes (Trennung Moslems / Nicht-Moslems). Die Parallelgesellschaften zeigen, dass dieser Punkt durchaus von der Mehrheit der Moslems ernstgenommen wird, auch von den "moderaten", nicht bombenlegenden.Hierzu gehört auch, dass die Goldene Regel, die eigentlich zum Mindeststandard jeder Ethik gehört, im Islam nicht existiert. Was am ähnlichsten klingt, ist vielleicht noch der Hadith
Niemand von euch hat den Glauben, der nicht seinem Bruder dasselbe wünscht, was er sich wünscht. (Bukhari 1.1.12)
Dazu muss man aber wissen, dass mit dem "Bruder" immer der Glaubensbruder gemeint ist. Der wesentliche Punkt der Goldenen Regel, die Universalität, die Gültigkeit für alle Menschen, fehlt also. Das kann wegen der strikten Trennung der Gläubigen von den minderwertigen Ungläubigen auch nicht anders sein.

5. Welthass

Sure 40:75 Solches, dieweil ihr euch im Lande ohne Grund freutet und übermütig wart. Gehet ein in Dschehennams Pforten, ewig in ihr zu verweilen. Und schlimm ist die Wohnung der Hoffärtigen.
Eine gewisse Weltabgekehrtheit gibt es in jeder Religion, die anerkennt, dass es noch mehr und für das Heil wichtigere Dinge gibt als die uns umgebende sichtbare Welt. Im Islam wird jedoch diese Weltabgewandtheit zu einem besonderen Extrem gesteigert, wenn es Fatwen und Hadithe gegen das Tanzen und Musik gibt – was als trennendes Element zu Nichtmuslimen gesehen wird. Das wird in Ländern, wo der Islam herrscht, auch streng praktiziert, wie beispielhaft ein aktueller Fall aus Pakistan zeigt: Dort wurde einer Familie ihr Haus abgefackelt, nur weil sie Hochzeitsmusik gespielt hatte.

Dieser Welthass ist natürlich keine Erfindung des Islam. Bis zu einem gewissen Grade teilt ihn auch das Christentum und der Zoroastrismus (dem die Christen nach Ansicht vergleichender Religionswissenschaftler auch das Bild des Höllenfeuers entnommen haben, der "Trennung der Schafe von den Böcken" usw.). Es ist die Bevorzugung des Ewigen vor dem Zeitlichen, der Christ vertraut sich dem göttlichen Gesetz an, nicht dem Gesetz dieser Welt. Das ist gemeint, wenn er sagt, dass "alle Weisheit dieser Welt nur Torheit vor Gott ist"(1 Kor. 1,18-2,5), und deshalb fleht er Wann kommt der Tag, an dem wir ziehen / aus dem Ägypten dieser Welt?. Der Welthass des Christen ist kein absoluter, sondern gilt dieser Welt nur insoweit, als sie dem Gesetz des Fürsten dieser Welt untersteht, dem Feinde Gottes. Insoweit sie Gottes Schöpfung ist, sind und waren Christen immer auch von der Liebe zu dieser Welt beseelt, die sich auch in der Lebensfreude des Menschen ausdrückt.

Zwar gab es extreme christliche Strömungen wie die Katharer, die sich in der Endura durch bewussten Verzicht auf Nahrung selbst töten, um dieser Welt zu entfliehen – die Kirche hat aber diese, vom radikalen Welthass getragenen Ansichten stets als Abirrung vom rechten Weg verurteilt.

Der rechtgläubige Moslem sieht dagegen dieses Leben ausschließlich als eine Durchgangsphase, in dem es allein darauf ankommt, die Gebote Allahs zu beachten, also Dinge zu unterlassen, die haram (unrein) sind, und die Dinge zu tun, die halal (rein, von Allah gewollt) sind. Was er in diesem Leben bereits finden kann, ist den Seelenfrieden dessen, der sich Allah unterwirft, Allahs Gebote einhält und für Allahs Sache kämpft. Es kann durchaus sein, dass manche Regeln des Islam ihm Freude bereiten - aber es geht dann nie um diese Freude an sich, sondern allein um die Bewährung durch Einhalten der Gebote. Wer hier schon Freude sucht - Musik, Tanz, Spiel -, handelt nicht recht.

Was sind deine Werte?

Ein grosser Unterschied des Islam zum Christentum / Judentum ist, dass Christen und Juden schon von altersher verschiedene Auslegungen der Bibel duldeten, soweit sie nicht den "Kerngehalt" des Glaubens betrafen (was das ist, darüber lässt sich natürlich trefflich streiten). Selbstverständlich gab es auch in der Kirche Verfolgung von Abweichlern. Aber schon im 3. Jahrhundert lehrt z.B. Origenes eine bildliche Auslegung der Bibel - seine Ansicht wurde und wird innerhalb der Kirche geduldet. Heute geht es natürlich noch viel weiter: Die Kirche duldet auch die historisch-kritische Bibelexegese und die daraus folgende Entmythologisierung auch zentraler Glaubensinhalte, und die evangelische Kirche duldet eine Dorothee Sölle mit ihrem "Christentum ohne Gott". (Nach meiner Ansicht ist auch die Aufklärung ein Zweig des Christentums, indem sie bestimmte Werte des Christentums zur Grundlage für säkulare Normen macht.)

Das ist eine unglaubliche, stellenweise an Selbstverleugnung grenzende Toleranz, aber genau diese ermöglichte einen kritischen, an der Vernunft orientierten Umgang mit der Heiligen Schrift. Praktisch alle Christen und Juden lehnen es heute ab, die biblischen Tötungsbefehle anzuwenden, wonach Homosexuelle (3. Mose 20:13), ungezogene Söhne (5. Mose 21:21), Ehebrecher (3. Mose 20:10), Esoterikerinnen (2. Mose 22:17) und viele andere mehr zu töten wären. Juden und Christen betrachten diese Gebote als überholt, sie galten bestenfalls in einem Kontext, der längst Geschichte ist. Michael Stürzenberger fasst den Unterschied in den Tötungsgeboten sehr griffig zusammen: "Die Bibel ist ein Geschichtsbuch, der Koran ist ein Befehlsbuch."[4]

Der Glaube an die Verbalinsparation, die wörtliche Inspiration des gesamten Bibeltextes, ist im Christen- und Judentum eine absolute Aussenseiterposition. Im Islam dagegen ist es Mainstream. Die Reformer müssen darüberhinaus fürchten, wenn sie auch nur einzelne Verse in Zweifel ziehen, als Apostaten verfolgt zu werden. Selbst jemand wie Tariq Ramadan, der sich als Reformer sieht, wagt es nur, sich für eine zeitlich befristete Aussetzung der Steinigungsstrafen auszusprechen, ein Moratorium - nicht aber der Steinigungsstrafe grundsätzlich abzuschwören.[5] Es gibt daher nach meiner Ansicht keine wirkliche Chance für einen aufgeklärten, historisch-kritisch geläuterten Islam.

Bei der Diskussion mit diesen Moslems hatte ich ein ähnliches Gefühl wie bei Gesprächen mit den Zeugen Jehovas oder Mormonen. Sie strahlen durchaus ein verführerisches Licht aus: Komm zu uns, auf unserem Weg, und alles wird einfach und friedlich! Es gibt eine verbreitete Ansicht, wonach der Islam nur eine christliche Sekte sei.[6] Meine Eindrücke von diesem Gespräch würden das unterstützen.

Jede Sekte macht sich einer Vereinseitigung schuldig: Die Moslems vereinseitigen gewisse Aspekte des jüdisch-christlichen Glaubens, während sie umgekehrt essentielle Teile dieses Glaubens verleugnen oder verzerren. Sie sind gefährlicher als die Zeugen Jehovas, weil letztere keine weltlichen Ambitionen haben, während die politische Herrschaft, die Herrschaft des Schariarechts, ein zentraler Bestandteil des Islams ist.

Jede Sekte ist ein Ruf nach einer Korrektur, eine Frage an die eigenen Überzeugungen. Im Fall des Islam lautet die Frage: Was sind deine eigenen Werte? Hast du überhaupt noch eigene Werte? Oder betrachtest du alles als relativ, alles als gleichwertig, das Gute wie das Böse? Wenn es so ist, dass dir deine eigenen Werte egal sind, dann werden wir eben kommen und dir unsere Werte geben. Wir nehmen uns nur den Raum, den du uns gibst, und werden unsere Werte setzen. Wir haben nämlich welche. Dann aber beschwere dich nicht, wenn sie dir nicht passen.


[1] Hubert Schleichert beschreibt in seinem exzellenten Buch Wie man mit Fundamentalisten diskutiert, ohne den Verstand zu verlieren (München 2001) die ganze Palette der rhetorischen Muster, denen man in solchen Diskussionen begegnet.
[2] Details zum Thema Apostasie bei Christine Schirrmacher und Michael Mannheimer.
[3] Manfred Kleine-Hartlage: Das Dschihad-System. Wie der Islam funktioniert. Gräfelfing 2010.
[3a] Geschenkt für das Folgende sei, dass die islamischen Tötungsgebote nur entweder historisch oder  auch heute noch gültig sein können - egal ob unter Einschränkungen oder nicht.
[4] Bei einer Diskussion mit Moslems am 14.4.2012 in Ludwigshafen
[5] Diskussion Nicolas Sarkozy / Tariq Ramadan von 2003
[6] Diese Ansicht vertreten z.B. Karl-Heinz Ohlig und Christoph Luxenberg (Pseudonym)

Kommentare :

Noddi hat gesagt…

Hallo Herr Plantiko,

eine excellente Ausführung.
Sicher stoßen die Koranverteiler nicht häufig auf solche gut vorbereiteten und logik-geschulten Redepartner!

Hut ab!

Vg
Noddi

Rüdiger Plantiko hat gesagt…

Hallo Noddi,

danke für das Lob. Die Diskussion mit den Moslems ist sicher wichtig (aber ich bin nur ein kleines Licht im Vergleich zu Personen wie Sabatina James, die als ehemalige Schülerin einer Madrasse den Islam in- und auswendig kennt).

Noch wichtiger scheint mir die Frage zu sein, die ich zum Titel des Blogs erhob: Was sind deine Werte? Was ist es, wofür du dich ganz einsetzt? Welche Werte bist du bereit, mit ganzer Kraft zu verteidigen, weil du nicht von ihnen abrücken möchtest. Weil das Leben ohne diese Werte nicht lebenswert wäre.

Im Westen haben wir es mit den reflexiven Normen und dem ewigen "Fass dich an die eigene Nase" übertrieben. Wir sind beinahe nicht mehr in der Lage, eine drohende Gefahr als solche zu benennen. Denn: die Menschen, die uns bedrohen, "sind ja auch nur Menschen wie du und ich". Und "Wer sind wir denn, dass wir sagen können, sie bringen uns etwas 'Böses'?" Und "Wir haben ja auch, vor gar nicht langer Zeit..."

"Was ist gut? Was ist böse?" - fragen wir - und blinzeln müde.

Wer kann es einer anderen Kultur übelnehmen, wenn sie den Raum besetzt, denn wir ihr freiwillig überlassen - mit unserer trägen, gleichgültigen, scheinbar über den Dingen stehenden Haltung, mit unserer ekelhaften Abgeklärtheit, mit dem Relativismus, dem alles egal ist.

Was sind deine Werte? Ob gläubig oder nichtgläubig - wir müssen uns die Frage nach der Substanz des Westens, nach seiner kulturellen Identität stellen. Auf Strafe des Untergangs.

Unsere Enkel werden uns vielleicht einmal fragen: Warum habt ihr damals nichts gemacht, als ihr noch etwas dagegen tun konntet?

Mit besten Grüssen,
Rüdiger