Sonntag, 15. Dezember 2019

Ostertermin und Osterparádoxa

Bewegliche Feiertage im Kirchenjahr
Die zyklische Osterrechnung (computus)
Das Osterparádoxon 2019
Über eine Reform der Osterrechnung
Paradoxien von 1950 bis 2050

Warum haben wir eigentlich die sogenannten "beweglichen Festtage"? Warum kann man sie nicht - wie die übrigen Feiertage - auf ein festes Kalenderdatum mit Tag und Monat legen?

Der Grund ist, daß unser Kalender am Sonnenjahr orientiert ist – die Kalendermonate fallen immer in die gleichen Jahreszeiten des Sonnenjahres – während die beweglichen Feste eine Mondkomponente haben: sie sind alle am Osterfest ausgerichtet, und dieses ist durch den Zusammenhang mit dem jüdischen Passahfest mit dem Mondkalender verknüpft – konkret: mit den Vollmondterminen.

Bewegliche Feiertage im Kirchenjahr

Der Termin für das Osterfest schwankt von Jahr zu Jahr, wobei er frühestens am 22. März und spätestens am 25. April liegen kann.

Mit dem von Jahr zu Jahr variierenden Ostertermin bewegt sich ein großer Teil des ganzen Kirchenjahres im Kalenderjahr: vom Sonntag Dominica in Septuagesima der Vorfastenzeit bis zum Fronleichnamsfest 60 Tage nach Ostern sind es 124 Tage, und auch das nachfolgende, bis zum November reichende tempus per annum post Pentecosten (die "nachpfingstliche Zeit im Jahr"), mit dem das Kirchenjahr ausklingt, hängt vom Ostertermin ab.

  • Am 9. Sonntag vor Ostern beginnt mit dem Tempus Septuagesimae die Vorfastenzeit (mit den Sonntagen Septuagesima, Sexagesima und Quinquagesima)
  • Mit dem Aschermittwoch, dem Mittwoch nach Quinquagesima, beginnt das Tempus Quadragesimae, die eigentliche Fastenzeit. Die Fastenzeit dauert vom Aschermittwoch bis zum Karsamstag und besteht somit genau aus 40 Werktagen und sechs Sonntagen (letztere sind im Gedenken an die Auferstehung Jesu vom Fasten ausgenommen). Der erste Sonntag der Fastenzeit heißt auch Quadragesima oder Invocavit (nach seinem Introitusvers).
  • Das sogenannte Triduum Paschale bezeichnet die mit dem Gründonnerstagabend beginnende, über Karfreitag und Karsamstag bis zum Ostersonntag reichende Zeit. Sie ist die bedeutendste, heiligste Zeit des ganzen Kirchenjahres und gilt, obwohl sie sich über drei Tage erstreckt, als ein einziges Hochfest.
  • Über die fünf Sonntage nach Ostern erstrickt sich das Tempus Paschatis, die eigentliche Osterzeit. Der fünfte Sonntag heißt auch Rogate, weil er die sogenannten “Kleinen Bittage” einläutet, die besonders dem Gebet gewidmet sein sollen und die dem Fest Christi Himmelfahrt vorausgehen.
  • In das mit Christi Himmelfahrt beginnende Tempus Ascensionis fällt genau ein Sonntag, Exaudi, der von der Sehnsucht nach dem Antlitz Gottes geprägt ist (quaesivi vultum tuum heißt es im Introitus - ich suche Dein Angesicht).
  • Mit dem 50. Tag nach Ostern, dem Pfingstsonntag, beginnt die Pfingstoktav (Octava Pentecostes), zugleich die achte und letzte Woche der österlichen Zeit, die mit dem nachfolgenden Dreifaltigkeitssonntag zu ihrem End- und Schlußpunkt kommt.
  • Im Dreifaltigkeitssonntag (Trinitatis) gipfeln die großen christlichen Feste Weihnachten, Ostern und Pfingsten zu ihrer unüberbietbaren Vollendung auf, münden sie doch in die geheimnisvolle Tiefe des unendlichen, dreifaltigen Gottes.
  • Die nun folgenden 23 bis 28 Wochen bis zum Beginn des nächsten Kirchenjahres, also bis zum nächsten 1. Advent, werden als Tempos per annum post Pentecosten bezeichnet. Es sind Wochen der Aussendung und des Glaubenszeugnisses. Im Evangelium des Dreifaltigkeitstags (Mt 28:18-20) sagt Jesus, daß ihm alle Gewalt gegeben ist im Himmel und auf Erden, und er beauftragt seine Jünger, also jeden Christen, zu allen Völkern der Erde zu gehen und sie in das Mysterium der Dreifaltigkeit einzutauchen. Schließlich verheißt er denen, die ihm nachfolgen, daß er bei ihnen bleiben wird bis zum Ende der Welt.
  • Am Donnerstag 60 Tage nach Ostern, schon im Tempus per annum post Pentecosten gelegen, wird das Fronleichnamsfest gefeiert. Auf eine Vision der heiligen Juliane von Lüttich zurückgehend (1209), spiegelt es das, was am Gründonnerstag eher innerlich gefeiert wurde – die Einsetzung des Allerheiligsten Altarsakraments durch Jesus Christus – um dieses Sakrament in einer feierlichen Prozession nach draußen zu tragen.
  • Am dritten Freitag nach Pfingsten, also 68 Tage nach Ostern, feiert die Kirche das Hochfest vom Heiligsten Herzen Jesu, aus dem alle Liebe Gottes zu den Menschen entströmt - seine Opfertat zu Golgatha ebenso wie die Sakramente Seiner Kirche. Dieser Festtag ragt schon weit in das tempus per annum post Pentecosten hinein.

Um diesen Zeitraum in das restliche, im Kalenderjahr fest bleibende Kirchenjahr einzufügen, läßt man einige der Sonntage nach Epiphanias (6. Januar) und vor dem Beginn der (beweglichen) Vorfastenzeit aus - und fügt sie dafür nach dem 22. Sonntag nach Pfingsten in die liturgische Ordnung ein.

Die zyklische Osterrechnung (computus)

Das zentrale bewegliche Fest, auf das die anderen beweglichen Festtage bezogen sind, ist Ostern, das Fest der Auferstehung Christi. Die Kreuzigung Christi fiel (so geht aus den Evangelien hervor) auf einen Freitag vor dem Beginn der jüdischen Passahfestwoche. Es muß sich also um einen Freitag gehandelt haben, der zugleich im jüdischen Kalender auf den 14. Tag des Frühlingsmonats Nisan fiel (denn am 15. Nisan beginnt bei den Juden das einwöchige Passahfest), vgl. O. Gerhardt (1930) für die Fragen der genauen Datierung der Kreuzigung Christi.

Angelehnt an diese Datierung hat man den Ostertermin folgendermaßen definiert:

Ostersonntag ist der erste Sonntag nach dem Tag des ersten "Vollmonds" ab "Frühlingsanfang".

Die Definition ist aber nicht naturalistisch: die Begriffe "Vollmond" und "Frühlingsanfang" sind nicht rein astronomisch, sondern kalenderarithmetisch bestimmt. Die rein astronomischen Ereignisse des Frühlingsanfangs und Vollmonds sind nur mit den Methoden der astronomischen Störungs- oder Mehrkörpertheorie exakt zu bestimmen, da die wechselseitigen Anziehungskräfte aller Himmelskörper unseres Sonnensystems zu berücksichtigen sind.

Kalender haben eine für den bürgerlichen Gebrauch vereinfachte, praktisch brauchbare tagesgenaue Systematik zu bieten, die an diesen natürlichen Ereignissen orientiert ist, ohne sie exakt reproduzieren zu müssen. Speziell für die Berechnung des Osterfestes gibt es eine eigene Spezialdisziplin in der traditionellen Chronologie, den sogenannten Computus.

Für die Osterberechnung arbeitet der Computus mit folgenden Vereinfachungen:

  • Die Regeln des von Papst Gregor XIII. (1572-1585) angeordneten gregorianischen Kalenders reproduzieren mit großer Genauigkeit die Länge des Sonnenjahrs, so daß man für die Zwecke der Osterrechnung als "Frühlingsanfang" den 21. März definiert.
  • Der erste "Vollmond" ab Frühlingsanfang wird von den Computisten Luna XIV genannt und ist ein Tag, den man zyklisch durch den Kalender wandern läßt. Die Zyklusregel ist, daß er in den 30 Tagen zwischen dem 21. März und dem 19. April von Jahr zu Jahr um 11 Tage zurückwandert (diese 11 Tage entsprechen dem Überschuß des Sonnenjahrs über das Mondjahr aus zwölf Mondmonaten), alle 19 Jahre aber sogar um 12 Tage (der sogenannte saltus lunae, Mondsprung).

    In der Sprache der Arithmetik ist diese Operation im Restklassenring modulo 30 (ℤ30) die Addition "+19". Nach 19 Jahren haben wir einen Verschub von 19·19=361=1 modulo 30, also einem Tag, der durch den Mondsprung auf 0 korrigiert wird. Der Termin Luna XIV wandert also nur durch genau 19 der 30 möglichen Kalenderdaten, solange nicht weitere Modifikationen dieser Regel dazukommen (und natürlich kommen welche dazu!). Wir sind mitten in einem 300 Jahre dauernden Zeitraum, in dem die reguläre Luna XIV nur auf einen der folgenden 19 Termine fällt: den 22., 23., 25., 27., 28., 30., 31. März sowie den 2., 3., 5., 7., 8., 10., 11., 13., 14., 16., 18. oder 19. April (wobei der 19. und 18. April aufgrund von Ausnahmeregeln je um einen Tag zurückdatiert werden).

In einem letzten Schritt nach Ermittlung von Luna XIV ist dann nur noch der auf sie folgende Sonntag zu ermitteln.

In der beigefügten Tabelle kann man die Wanderung von Luna XIV verfolgen (auf das Vorschaubild klicken, um in das Tabellenblatt zu navigieren):

  • Gelb markiert sind die Sonntage.
  • Mit einem "O" sind die aus dem Computus ermittelten Ostersonntage markiert.
  • Mit einem "L" und blauem Hintergrund ist der Luna XIV-Termin des betreffenden Jahres markiert
  • Hellblau sind Tage markiert, meist der 18. oder 19. April, auf die Luna XIV zwar nach rein zyklischer Rechnung fallen würde, die aber unter eine Ausnahmeregelung fallen, um einen zu späten Ostertermin verhindern: ein Ostersonntag am 26. April ist im Kirchenjahr nicht erwünscht, er liegt zu spät – und der 18. wird zurückdatiert, wenn er neben dem 19. als regulärer Termin von Luna XIV vorkommt, damit es im 19jährigen Zyklus immer 19 verschiedene Termine für Luna XIV gibt.
  • Mit einer anderen Farbe sind die Luna XIV-Termine vom 14. April markiert (1957, 1976 usw.), denn dies sind die Jahre, in denen der Mondsprung angewendet wurde und der 19jährige Zyklus wieder beginnt.
  • Mit einem gestrichelten orange Rand sind die Tage des astronomischen Frühlingsvollmonds markiert (Vollmonddatum in Ephemeridenzeit, der Datumswechsel ist also auf den Meridian von Greenwich bezogen).

Wer sich genauer für die lange und spannende Geschichte der Osterrechnung, des Computus, des gregorianischen Kalenders usw. interessiert, dem sei die Webpräsenz von Nikolaus A. Bär empfohlen. Man findet dort - neben sehr genauen Diskussionen vieler historischer Fragestellungen der Kalenderrechnung - auch Statistiken über die Verteilung der Ostertermine sowie Rechner, mit denen man zwischen dem gregorianischen, julianischen, jüdischen und islamischen Kalender umrechnen, Ostertermine berechnen oder suchen kann (also Fragen wie "in welchen Jahren fiel Ostern auf den 11. April?" beantworten kann).

Das Osterparádoxon 2019

Im Jahr 2019 fiel der Ostersonntag auf den 21. April. Der astronomische Frühlingsbeginn war am 20. März um etwa 22 Uhr Weltzeit. In der Frühe des 21. März, etwa um 1:43, wurde der Mond voll. Dies war astronomisch gesehen der Frühlingsvollmond. Würde man für die Ostertermine nur diesen natürlichen Ereignissen folgen, wäre der nächstfolgende Sonntag der Ostersonntag geworden, das war der 25. März.

Luna XIV war aber erst einen Monat später, am 19. bzw. 18. April (nach der erwähnten Ausnahmeregel auf den 18. April zurückdatiert). Der "Ostervollmond" im wahren Sinne des Wortes, der Vollmond vor Ostern, war also nicht der erste, sondern der zweite Frühlingsvollmond (der astronomisch am 19. April um 13 Uhr 20 eintrat). Der nächstfolgende Sonntag war Ostern: der 21. April.

Eine Abweichung des Ostertermins von dem Termin, den man nach einer "rein natürlichen" Berechnung mit dem astronomischen Frühlingsanfang und astronomischen Vollmond erwarten würde, nennt man ein Osterparádoxon. Die Osterparádoxa sind gut erforscht und klassifiziert. Die Abweichung des Jahres 2019 fällt demnach in die Kategorie A+ der sogenannten positiven Äquinoktialparádoxa, die aufgrund eines Unterschieds des astronomischen Frühlingsanfangs entstehen.

Neben diesen Äquinoktialparádoxa gibt es auch noch die sogenannten positiven (H+) und negativen (H-) Hebdomadalparádoxa, bei denen allein die Abweichung des astronomischen vom zyklischen Vollmond den Unterschied ergibt: Bei H- fällt Luna XIV auf einen Samstag, während der astronomische Vollmond am Sonntag folgt, bei H+ ist es umgekehrt.

Weitere Jahre mit solchen Abweichungen sind:

A+1590, 1666, 1685, 1924, 1943, 1962, 2019, 2038, 2057, 2076, 2095, 2114, 2133, 2152, 2171, 2190
H+1629, 1700, 1724, 1744, 1778, 1798, 1876, 1974, 2045, 2069, 2089, 2096
H-1598, 1609, 1622, 1693, 1802, 1805, 1818, 1825, 1829, 1845, 1900, 1903, 1923, 1927, 1954, 1967, 1981, 2049, 2076, 2106, 2119, 2133, 2147, 2150, 2170, 2174

Bei den Parádoxa vom Typ H+ und H- liegt der Fehler bei einer Woche: kirchliches Ostern ist eine Woche später oder früher als ein "rein astronomisch definiertes" Ostern wäre. Dagegen liegen bei den Osterparádoxa vom Typ A+ die Abweichungen bei etwa einem Monat.

Man sieht, daß sich das letzte Osterparádoxon im Jahre 1981 ereignete (vom Typ H-), und das nächste auf das Jahr 2038 fallen wird (wieder vom Typ A+).

Über eine Reform der Osterrechnung

Ein einheitliches Datum für das Osterfest, dieses zentralen Fest im ganzen Kirchenjahr, wäre wertvoll als ein äußeres Zeichen für die Bemühung der Christen um Einheit, die eines der Wesensmerkmale der Kirche ist. Dies hielt Papst Franziskus auf dem Rückflug vom Heiligen Land in einer Pressekonferenz fest (am 26.5.2014):
Ein anderes Thema, über das wir gesprochen haben, damit vielleicht im panorthodoxen Rat etwas getan werden kann, ist das Osterdatum, denn es ist ein bisschen lächerlich: – Sag mir, wann wird dein Christus auferstehen? – Nächste Woche – Meiner ist schon letzte Woche… – Ja, das Osterdatum ist ein Zeichen der Einheit.

Eine Reform der Osterrechnung müßte aber behutsam und mit großer Sensibilität gegenüber dem bisher Bestehenden erfolgen. Unser Zeitgeist neigt leider dazu, die Dinge allzu radikal umzukrempeln: oft wird in hemdsärmeliger Manier viel Sinnvolles, in Jahrhunderten Gewordenes und Gewachsenes um einer einzigen Idee willen zerstört, die man höher als alles andere wertet. Ein Vorbild für eine wirklich gute Reform stellt die Kalenderreform von Papst Gregor XIII. dar, die von Weitsicht, Umsicht und Traditionsbewußtsein zugleich getragen war.

Eine rein an den Naturvorgängen orientierte Definition (ein Vorschlag lautet zum Beispiel: "Ostern ist der erste Sonntag gemäß Jerusalemer Lokalzeit, der auf den ersten astronomischen Vollmond ab astronomischem Frühlingsanfang folgt") erscheint logisch und klar, wichtet aber gerade das Natürliche zu hoch. Es ist auch ein Fest des Gedächtnisses an jenen Ur-Karfreitag und aller Karfreitage, die seitdem auf diesen folgten. Die oben beschriebene Osterparadoxie des Jahres 2019 ergibt zwar einen aus "natürlicher" Sicht um einen Monat verspäteten Ostertermin. Andererseits fiel der Karfreitag 2019 bei dieser "unnatürlichen" Osterterminierung im jüdischen Kalender auf den 14. Nisan 5779, was wieder ein schöner Zusammenklang ist (auch ist es nicht selbstverständlich, daß der 14. Nisan auf einen Freitag fällt).

Paradoxien von 1950 bis 2050

Die folgende Tabelle zeigt die astronomischen Termine des Frühlingsanfangs sowie dreier in Frage kommender Vollmonde (die ab Mitte März gefundenen), dann den daraus ermittelten "astronomischen Ostertermin" und in der letzten Spalte den kirchlichen Ostertermin, falls dieser vom astronomischen abweicht. Alle Zeitangaben sind in Ephemeridenzeit, die von der Weltzeit UTC gegenwärtig um ca. eine Minute abweicht. Die Berechnungen erfolgten mit einem C-Programm, wobei für die kirchlichen Ostertermine die Gaußsche Osterformel verwendet wurde.

Frühling🌕🌕🌕Astr. O.Kirchl. O.
21.3.1950 4h35m2.4.1950 20h49m2.5.1950 5h19m31.5.1950 12h43m9.4.1950
21.3.1951 10h26m23.3.1951 10h50m21.4.1951 21h30m21.5.1951 5h45m25.3.1951
20.3.1952 16h14m10.4.1952 8h53m9.5.1952 20h16m8.6.1952 5h07m13.4.1952
20.3.1953 22h00m30.3.1953 12h55m29.4.1953 4h20m28.5.1953 17h03m5.4.1953
21.3.1954 3h53m19.3.1954 12h42m18.4.1954 5h48m17.5.1954 21h47m25.4.195418.4.1954
21.3.1955 9h35m7.4.1955 6h35m6.5.1955 22h14m5.6.1955 14h08m10.4.1955
20.3.1956 15h20m26.3.1956 13h11m25.4.1956 1h41m24.5.1956 15h26m1.4.1956
20.3.1957 21h16m16.3.1957 2h22m14.4.1957 12h09m13.5.1957 22h34m21.4.1957
21.3.1958 3h06m4.4.1958 3h45m3.5.1958 12h23m1.6.1958 20h55m6.4.1958
21.3.1959 8h55m24.3.1959 20h02m23.4.1959 5h13m22.5.1959 12h56m29.3.1959
20.3.1960 14h43m11.4.1960 20h27m11.5.1960 5h42m9.6.1960 13h02m17.4.1960
20.3.1961 20h32m1.4.1961 5h47m30.4.1961 18h41m30.5.1961 4h37m2.4.1961
21.3.1962 2h30m21.3.1962 7h55m20.4.1962 0h33m19.5.1962 14h32m25.3.196222.4.1962
21.3.1963 8h20m9.4.1963 0h57m8.5.1963 17h23m7.6.1963 8h31m14.4.1963
20.3.1964 14h10m28.3.1964 2h48m26.4.1964 17h50m26.5.1964 9h29m29.3.1964
20.3.1965 20h05m17.3.1965 11h24m15.4.1965 23h02m15.5.1965 11h52m18.4.1965
21.3.1966 1h53m5.4.1966 11h13m4.5.1966 21h01m3.6.1966 7h40m10.4.1966
21.3.1967 7h37m26.3.1967 3h21m24.4.1967 12h04m23.5.1967 20h22m2.4.196726.3.1967
20.3.1968 13h22m13.4.1968 4h52m12.5.1968 13h05m10.6.1968 20h13m14.4.1968
20.3.1969 19h08m2.4.1969 18h45m2.5.1969 5h14m31.5.1969 13h18m6.4.1969
21.3.1970 0h56m23.3.1970 1h53m21.4.1970 16h21m21.5.1970 3h38m29.3.1970
21.3.1971 6h38m10.4.1971 20h10m10.5.1971 11h24m9.6.1971 0h04m11.4.1971
20.3.1972 12h22m29.3.1972 20h06m28.4.1972 12h45m28.5.1972 4h28m2.4.1972
20.3.1973 18h13m18.3.1973 23h34m17.4.1973 13h51m17.5.1973 4h58m22.4.1973
21.3.1974 0h07m6.4.1974 21h01m6.5.1974 8h55m4.6.1974 22h10m7.4.197414.4.1974
21.3.1975 5h57m27.3.1975 10h36m25.4.1975 19h55m25.5.1975 5h51m30.3.1975
20.3.1976 11h50m14.4.1976 11h49m13.5.1976 20h04m12.6.1976 4h15m18.4.1976
20.3.1977 17h43m4.4.1977 4h09m3.5.1977 13h04m1.6.1977 20h31m10.4.1977
20.3.1978 23h34m24.3.1978 16h20m23.4.1978 4h11m22.5.1978 13h17m26.3.1978
21.3.1979 5h22m12.4.1979 13h15m12.5.1979 2h01m10.6.1979 11h56m15.4.1979
20.3.1980 11h10m31.3.1980 15h14m30.4.1980 7h36m29.5.1980 21h28m6.4.1980
20.3.1981 17h03m20.3.1981 15h23m19.4.1981 7h59m19.5.1981 0h04m26.4.198119.4.1981
20.3.1982 22h56m8.4.1982 10h19m8.5.1982 0h45m6.6.1982 16h00m11.4.1982
21.3.1983 4h39m28.3.1983 19h27m27.4.1983 6h31m26.5.1983 18h48m3.4.1983
20.3.1984 10h25m17.3.1984 10h10m15.4.1984 19h11m15.5.1984 4h29m22.4.1984
20.3.1985 16h14m5.4.1985 11h33m4.5.1985 19h53m3.6.1985 3h51m7.4.1985
20.3.1986 22h03m26.3.1986 3h02m24.4.1986 12h47m23.5.1986 20h45m30.3.1986
21.3.1987 3h52m14.4.1987 2h31m13.5.1987 12h51m11.6.1987 20h49m19.4.1987
20.3.1988 9h39m2.4.1988 9h22m1.5.1988 23h41m31.5.1988 10h54m3.4.1988
20.3.1989 15h29m22.3.1989 9h58m21.4.1989 3h14m20.5.1989 18h17m26.3.1989
20.3.1990 21h20m10.4.1990 3h19m9.5.1990 19h31m8.6.1990 11h02m15.4.1990
21.3.1991 3h02m30.3.1991 7h18m28.4.1991 20h59m28.5.1991 11h37m31.3.1991
20.3.1992 8h49m18.3.1992 18h18m17.4.1992 4h43m16.5.1992 16h03m19.4.1992
20.3.1993 14h41m6.4.1993 18h44m6.5.1993 3h34m4.6.1993 13h03m11.4.1993
20.3.1994 20h29m27.3.1994 11h10m25.4.1994 19h45m25.5.1994 3h40m3.4.1994
21.3.1995 2h15m17.3.1995 1h26m15.4.1995 12h09m14.5.1995 20h49m16.4.1995
20.3.1996 8h04m4.4.1996 0h07m3.5.1996 11h49m1.6.1996 20h47m7.4.1996
20.3.1997 13h55m24.3.1997 4h46m22.4.1997 20h34m22.5.1997 9h14m30.3.1997
20.3.1998 19h55m11.4.1998 22h24m11.5.1998 14h30m10.6.1998 4h19m12.4.1998
21.3.1999 1h46m31.3.1999 22h49m30.4.1999 14h55m30.5.1999 6h40m4.4.1999
20.3.2000 7h36m20.3.2000 4h45m18.4.2000 17h42m18.5.2000 7h35m23.4.2000
20.3.2001 13h31m8.4.2001 3h22m7.5.2001 13h53m6.6.2001 1h40m15.4.2001
20.3.2002 19h17m28.3.2002 18h25m27.4.2002 3h00m26.5.2002 11h52m31.3.2002
21.3.2003 1h00m18.3.2003 10h35m16.4.2003 19h36m16.5.2003 3h37m20.4.2003
20.3.2004 6h49m5.4.2004 11h03m4.5.2004 20h34m3.6.2004 4h20m11.4.2004
20.3.2005 12h34m25.3.2005 20h59m24.4.2005 10h07m23.5.2005 20h19m27.3.2005
20.3.2006 18h26m13.4.2006 16h41m13.5.2006 6h52m11.6.2006 18h04m16.4.2006
21.3.2007 0h08m2.4.2007 17h16m2.5.2007 10h10m1.6.2007 1h04m8.4.2007
20.3.2008 5h49m21.3.2008 18h41m20.4.2008 10h26m20.5.2008 2h12m23.3.2008
20.3.2009 11h44m9.4.2009 14h56m9.5.2009 4h02m7.6.2009 18h12m12.4.2009
20.3.2010 17h33m30.3.2010 2h26m28.4.2010 12h19m27.5.2010 23h08m4.4.2010
20.3.2011 23h21m19.3.2011 18h11m18.4.2011 2h45m17.5.2011 11h09m24.4.2011
20.3.2012 5h15m6.4.2012 19h19m6.5.2012 3h36m4.6.2012 11h12m8.4.2012
20.3.2013 11h03m27.3.2013 9h28m25.4.2013 19h58m25.5.2013 4h26m31.3.2013
20.3.2014 16h58m16.3.2014 17h09m15.4.2014 7h43m14.5.2014 19h17m20.4.2014
20.3.2015 22h46m4.4.2015 12h06m4.5.2015 3h43m2.6.2015 16h20m5.4.2015
20.3.2016 4h31m23.3.2016 12h01m22.4.2016 5h24m21.5.2016 21h15m27.3.2016
20.3.2017 10h29m11.4.2017 6h09m10.5.2017 21h43m9.6.2017 13h10m16.4.2017
20.3.2018 16h16m31.3.2018 12h37m30.4.2018 0h59m29.5.2018 14h20m1.4.2018
20.3.2019 21h59m21.3.2019 1h44m19.4.2019 11h13m18.5.2019 21h12m24.3.201921.4.2019
20.3.2020 3h50m8.4.2020 2h36m7.5.2020 10h46m5.6.2020 19h13m12.4.2020
20.3.2021 9h38m28.3.2021 18h49m27.4.2021 3h32m26.5.2021 11h15m4.4.2021
20.3.2022 15h34m18.3.2022 7h18m16.4.2022 18h56m16.5.2022 4h15m17.4.2022
20.3.2023 21h25m6.4.2023 4h35m5.5.2023 17h35m4.6.2023 3h42m9.4.2023
20.3.2024 3h07m25.3.2024 7h01m23.4.2024 23h50m23.5.2024 13h54m31.3.2024
20.3.2025 9h02m13.4.2025 0h23m12.5.2025 16h57m11.6.2025 7h44m20.4.2025
20.3.2026 14h47m2.4.2026 2h13m1.5.2026 17h24m31.5.2026 8h46m5.4.2026
20.3.2027 20h25m22.3.2027 10h44m20.4.2027 22h28m20.5.2027 11h00m28.3.2027
20.3.2028 2h18m9.4.2028 10h27m8.5.2028 19h50m7.6.2028 6h09m16.4.2028
20.3.2029 8h03m30.3.2029 2h27m28.4.2029 10h37m27.5.2029 18h38m1.4.2029
20.3.2030 13h53m19.3.2030 17h57m18.4.2030 3h21m17.5.2030 11h20m21.4.2030
20.3.2031 19h42m7.4.2031 17h22m7.5.2031 3h41m5.6.2031 11h59m13.4.2031
20.3.2032 1h23m27.3.2032 0h47m25.4.2032 15h10m25.5.2032 2h38m28.3.2032
20.3.2033 7h23m16.3.2033 1h38m14.4.2033 19h18m14.5.2033 10h43m17.4.2033
20.3.2034 13h18m3.4.2034 19h20m3.5.2034 12h16m2.6.2034 3h55m9.4.2034
20.3.2035 19h03m23.3.2035 22h43m22.4.2035 13h21m22.5.2035 4h26m25.3.2035
20.3.2036 1h04m10.4.2036 20h23m10.5.2036 8h10m8.6.2036 21h03m13.4.2036
20.3.2037 6h51m31.3.2037 9h54m29.4.2037 18h55m29.5.2037 4h25m5.4.2037
20.3.2038 12h41m21.3.2038 2h10m19.4.2038 10h37m18.5.2038 18h24m28.3.203825.4.2038
20.3.2039 18h33m9.4.2039 2h53m8.5.2039 11h21m6.6.2039 18h48m10.4.2039
20.3.2040 0h12m28.3.2040 15h12m27.4.2040 2h39m26.5.2040 11h48m1.4.2040
20.3.2041 6h08m17.3.2041 20h20m16.4.2041 12h01m16.5.2041 0h53m21.4.2041
20.3.2042 11h54m5.4.2042 14h17m5.5.2042 6h49m3.6.2042 20h49m6.4.2042
20.3.2043 17h29m25.3.2043 14h27m24.4.2043 7h24m23.5.2043 23h38m29.3.2043
19.3.2044 23h21m12.4.2044 9h40m12.5.2044 0h17m10.6.2044 15h17m17.4.2044
20.3.2045 5h08m1.4.2045 18h44m1.5.2045 5h53m30.5.2045 17h53m2.4.20459.4.2045
20.3.2046 10h59m22.3.2046 9h28m20.4.2046 18h22m20.5.2046 3h16m25.3.2046
20.3.2047 16h53m10.4.2047 10h36m9.5.2047 18h25m8.6.2047 2h06m14.4.2047
19.3.2048 22h35m30.3.2048 2h05m28.4.2048 11h14m27.5.2048 18h58m5.4.2048
20.3.2049 4h29m19.3.2049 12h24m18.4.2049 1h05m17.5.2049 11h15m25.4.204918.4.2049
20.3.2050 10h20m7.4.2050 8h13m6.5.2050 22h27m5.6.2050 9h52m10.4.2050

Montag, 2. Dezember 2019

Ideen haben Konsequenzen

Erkennen zielt auf die Wirklichkeit
Der Geist der Technik
Gegen-Inspiration bei Nietzsche
Konsequenter Darwinismus
Auswirkungen auf das Seelenleben
Was auf dem Spiel steht

Erkennen zielt auf die Wirklichkeit

Ideas have Consequences, lautete der Titel eines 1948 erschienenen Buches von Richard M. Weaver, in der er die geistesgeschichtlichen Wurzeln unserer modernen Begriffsstutzigkeit herausarbeitet. Ich will darauf hier nicht inhaltlich eingehen, sondern nur festhalten, daß schon der Titel Programm ist: Es ist nicht belanglos, wie wir über die Welt denken, keine ins Belieben gestellte Geschmackssache. Die Welt ist vorgefunden, nicht eigenmächtig konstruierbar, wie es narzißtischer Übermut glaubt. Die Vorstellung von der vom Menschen selbst entworfenen Welt karikierte Goethe im "Faust", indem er den Baccalaureus in jugendlicher Selbstüberschätzung sprechen ließ:
Dies ist der Jugend edelster Beruf:
Die Welt, sie war nicht, eh ich sie erschuf!
Die Sonne führt ich aus dem Meer herauf;
mit mir begann der Mond des Wechsels Lauf.
Da schmückte sich der Tag auf meinen Wegen,
die Erde grünte, blühte mir entgegen.
Auf meinen Wink, in jener ersten Nacht,
entfaltete sich aller Sterne Pracht.
Erkenntnis ist Wahrnehmung objektiver Realität, nicht Konstruktion. Wir haben unser Erkenntnisvermögen, unseren Verstand, um uns ein möglichst gutes Bild von der Welt zu machen, und die Wirklichkeit korrigiert ungerührt falsche Vorstellungen, die wir von ihr haben, indem sie die Zwecke vereitelt, die wir, auf falschen Vorstellungen gründend, unserem Handeln geben wollen. Wie wir die Welt wahrnehmen, hat unmittelbare Konsequenzen für unser Leben, bis hin zur Gefährdung unserer ganzen Existenz. Das deckt sich mit der unmittelbaren Alltagserfahrung: wenn ich der festen Überzeugung bin, bei einem Sprung vom Hausdach würde ich wie ein Blatt sachte gleitend hinabsegeln, kann mich diese Überzeugung das Leben kosten.

Was für einzelne gilt, gilt auch für den Zeitgeist, also das in einer Gesellschaft in einer Epoche vorherrschende Bündel von Anschauungen. Es können Anschauungen vorherrschen, die die ganze Gesellschaft kollektiv dem Untergang zuführen – und es gibt Anschauungen, die die Gesellschaft zum Blühen bringen, die jeden einzelnen ein sinn- und freudvolles, erfülltes Leben in ihr ermöglichen (in den Grenzen natürlich, in denen das in dieser Welt überhaupt möglich ist).

Der Geist der Technik

Etwa um die Mitte des 19. Jahrhunderts gewannen Vorstellungen in der Gesellschaft an Gewicht, die in dieser Wucht und Breite zuvor nie vorhanden waren. Dazu gehörte die Idee einer vollständigen Berechenbarkeit der Welt, die man als ein sich entfaltendes Spiel von Atomen ansah. Laplace hatte schon 1814 die Ansicht formuliert, daß eine Intelligenz, die die Orte und Impulse aller Teilchen der Welt zu einem bestimmten Zeitpunkt kennen würde, in der Lage wäre, die sich entwickelnde Welt in all ihren Einzelheiten zu berechnen, jeden Willensentschluß und Gedanken jedes einzelnen Menschen, der je lebte oder leben wird, jedes Ereignis der Zukunft vorhersagen und auch die gesamte Vergangenheit des Universums rechnerisch rekonstruieren könnte (der berühmte Laplacesche Dämon).

Diese deterministische Weltsicht war nicht nur die einzelne Bemerkung eines Gelehrten, sondern fand in der ganzen Gesellschaft stärkste Resonanz. Hand in Hand mit dem Determinismus gingen der Naturalismus und Szientismus, aber auch die naiven Ansichten von Denkschulen wie dem Positivismus, indem man alle Menschen in diesem Sinne "aufklärte", würde man einem glanzvollen, friedlichen terminalen Zustand der Geschichte entgegengehen, in der sich alle Menschen freundlich die Hände reichten und sich gemeinsam das Räderwerk der großen Weltmaschine nutzbar machen würden. Auch die Erfindungen und Entdeckungen jener Zeit brachten einen ungeheuren Schub: der menschliche Geist grub sich gewissermaßen immer tiefer in das rein Irdische hinein.

Von dieser Zeit sprach Pfarrer Hans Milch (1924-1987) in seiner bekannten Predigt vom 7.10.1979 über den drohenden Untergang Europas.

Was sich da [in der Mitte des 19. Jahrhunderts] ereignet hat, kann gar nicht hoch genug bewertet werden in seiner dämonischen, zerstörerischen Bedeutung, aber auch in seiner Chance... In der Mitte des vorigen Jahrhunderts [des 19.] brach die moderne Technik in die Erdmenschheit ein, zuvorderst in Europa. Die moderne Technik ist ohne jede Parallele in der bekannten Menschheitsgeschichte, nicht etwa das Ergebnis einer jahrtausendelangen Entwicklung. Jahrtausendelang, über alle bekannten Zeiten der Geschichte hinweg, hat sich gar kein technischer Fortschritt ereignet — in einzelnen Kulturkreisen relative technische Errungenschaften, aber im Großen und Ganzen kein mit dem heutigen Fortschritt der Technik auch nur entfernt vergleichbarer Vorgang. Das ist von gar nicht abzusehender Bedeutung.

Was heißt überhaupt technischer Fortschritt? Es heißt, die Instrumente, welcher sich der Mensch bedienen kann, wachsen, vervielfältigen sich – und wir wissen, daß diese Vervielfältigung der Mittel in geometrischer Reihe, in geometrischer Beschleunigung sich vollzogen hat: rasant, atemberaubend, schauererregend, geradezu gespenstisch. Die Mittel und die Eindrücke die auf den Menschen einstürmen. Je mehr Mittel aber den Menschen zur Verfügung stehen, umso mehr muß der Mensch wissen, wer er ist - denn diese Mittel sollen ja ihm dienen, seinem Wesen, nicht seinem Wunsch. Es ist eine Folge des Sündenfalls, daß bei uns Wunsch und Wohl oft kollidieren und im Widerspruch zueinander stehen.

Wir gebrauchen die technischen Mittel zur Befriedigung unserer Wünsche - auf Kosten unseres Wohls. Was ist Wohl? Das, was dem Wesen gemäß ist. Je mehr ich also bedrängt werde von Angeboten, um so wacher muß ich wissen, wer ich bin, was mein Wesen ist. Und in der Mitte des vorigen Jahrhunderts [des 19.] hat der Mensch in Europa weniger gewußt als zuvor, vor allem wenn man das hohe Mittelalter zum Vergleich nimmt - weniger als zuvor, viel weniger, wer er wesenhaft ist. Er war also unvorbereitet diesem Ansturm gegenüber. Es fehlten in diesen Zeiten die Eliten – diejenigen, die das geistige Gebaren der Menschheit prägen. Führungslos wankte die europäische Menschheit dahin. Und in diese flatternde Ungewißheit brach gerade das ein, von dem es heißt: ehe du einen Schritt voraus tust in der Entfaltung der äußeren Welt, mußt du zuvor zwei Schritte tun in der Entfaltung der inneren Welt, in der Erweckung des geistigen Bewußtseins.

Geist darf man nicht verwechseln mit Verstand. Geistiges Bewußtsein heißt Wesensbewußtsein. Darum war es sehr, sehr schlecht bestellt, und das ist selbstverständlich immer weiter abgesunken – im selben Maße abgesunken, obwohl es hätte wachsen müssen, wie die moderne Technik anschwoll. Der Menschengeist ist dazu, da die sich ihm darbietende Vielheit im Zeichen der Einheit zu bewältigen und zu bannen. Diese Bannkraft des Geistes ist schwächer geworden, die Vielheit dessen, was auf uns einströmt und uns bedrängt, größer – daher zappelt der Mensch in seiner Seele, ist krank – die Couchs der Psychiater, die Sprechzimmer der Psychotherapeuten füllen sich:

Der kranke Mensch Europas! [hier spielt Hans Milch auf die Phrase "der kranke Mann am Bosporus" an, mit der man im 19. Jahrhundert den Verfall des Osmanischen Reichs bezeichnete].

Aus dieser Krankheit folgt das völlig gestörte bis zerstörte Verhältnis zu dem was wir Moral nennen. Moral ist die Lehre vom sittlich Guten. Das sittlich Gute ist das, was dem Wesen, der Würde der menschlichen Person entspricht. Da der Mensch nichts mehr von dem weiß, was eigentlich die Würde des Menschen erst ausmacht, weiß er auch nicht mehr, was gut ist – und darum verfällt das moralische Bewußtsein. Das ist verheerend und eine Katastrophe heraufbeschwörend. Die Zusammenhänge gehen der Sicht des Menschen verloren – lauter Teile hat er in der Hand, um mit Goethe zu sprechen, aber es fehlt ihm das geistige Band. Er weiß nicht mehr wie die Dinge zueinander geordnet sind, daß sie aufeinander hinweisen, über sich hinausweisen! Daher kann er die Dinge nicht mehr deuten und nicht mehr entziffern.

Man könnte hier einwenden, daß ja auch die Erfindungen und technischen Neuerungen, die Industrialisierung, das gigantische Wachstum der Welt der Waren und des Handels, daß dies alles seine Vorgeschichte habe. So wurde etwa schon im 15. Jahrhundert der Buchdruck eingeführt. Das ist zweifellos richtig - aber das war eine Innovation, die zunächst nur eine hauchdünne Schicht der Gelehrten betraf. Der Einbruch, der sich im 19. Jahrhundert ereignete, erfaßte die gesamte Lebenswelt der Menschen, pflügte das gesellschaftliche Leben in seiner ganzen Breite um.

Wer nur am Materiellen klebt, wie es etwa die Marxisten tun, überschätzt diese Vorgeschichte und verkennt den Einbruch von etwas qualitativ völlig Neuem, vorher nie Dagewesenen. Man muß sehen, daß zu jener Zeit ein geistiger Impuls in die Menschheit eintrat, der wie eine höhere Kraftwirkung diesen materiellen Umgestaltungen vorausging (wie ja auch Erfindungen und Technik nur daraus verstanden werden können, daß vom Verstand, von der Ideenwelt her sich etwas in die Materie hineinsenkt). Der Marxismus ist selbst ein Kind dieses geistigen Einbruchs. Er hängt einem historischen Determinismus an (der gesellschaftliche Fortschritt, die Entfaltung der Gesellschaft, kann mit der marxistischen Geschichts"wissenschaft" erkannt und vorhergesagt werden) und ist schon nach eigenem Eingeständnis materialistisch (in den Spielarten des historischen oder dialektischen Materialismus).

Das Kommunistische Manifest, in dem Karl Marx und Friedrich Engels Grundlagen und Programm ihrer Bewegung formulierten, erschien übrigens 1848, also ziemlich genau zu dem Zeitpunkt, dem Hans Milch eine zerstörerische, dämonische Bedeutung zuweist. Ebenfalls in diese Zeit fällt auf der anderen Seite übrigens die Heraufkunft des sogenannten Spiritismus (wie etwa des Tischrückens, das sich ab 1848 wie eine Epidemie in Europa verbreitete). Der Spiritismus will noch die Welt der Toten, des Jenseits, ins Irdische, Räumlich-Zeitliche hineinziehen und bannen: er ist von seiner Wesensart her selbst materialistisch. Das ist bis in die Terminologie hinein spürbar, wenn die Spiritisten etwa von der Seele als dem "feinstofflichen Leib" sprachen. Der ironische Anfangssatz des Kommunistischen Manifests "Ein Gespenst geht um in Europa" ist viel tiefsinniger als es die Autoren beabsichtigten: obwohl eigentlich spöttisch gemeint, charakterisiert er in einem umfassenden Sinne genau den Zeitgeist, der seitdem unser Leben und Denken verhext.

Die Gefahr, die Hans Milch in diesem Vorgang als Pfarrer sieht – man könnte ihn auch noch umfassender anschauen – ist die Zerstörung der Moral: Moralbegriffe müssen im Wesensverständnis des Menschen gründen. Um aber zu wissen, was gut für mich ist, muß ich über mich selbst, über mein Wesen etwas wissen – und genau davon - von der Frage nach dem Wesen - führt die Technik weg, da sie die Erfüllung von Wünschen in den Vordergrund stellt. Die Frage nach dem Wesen ist der unter modernen Philosophen geächtete Essentialismus, man soll sie gar nicht mehr stellen, weil es angeblich müßig sei und keine Antworten zu erwarten seien. Nicht auf das Wesen, auf die Erscheinungen sollte man sich konzentrieren, das Miteinander, die Wechselwirkungen der Dinge, und was die Wünsche angeht, so gebe es ja einen gemeinsamen Nenner, über den sich alle Menschen einigen könnten: die materiellen Bedürfnisse, das tägliche Brot. Und weil der Mensch ein Mensch ist, drum braucht er was zu essen, bitte sehr!, wie es im Brechtschen Lied von der Einheitsfront heißt. Das gesamte Programm des Materialismus ist der Aufbau der Welt von unten, vom Materiellen her, und ganz in das Materielle eingeschlossen, die Verwandlung der Steine in Brot.

Gegen-Inspiration bei Nietzsche

Man kann bei der Untersuchung dieses geistigen Impulses das Eingreifen von übersinnlichen Mächten in das Erdengeschehen geradezu mit Händen greifen. Einzelne Menschen müssen von diesem Geist in einer unheimlichen Weise besetzt gewesen sein.

Ein Beispiel ist Friedrich Nietzsche. Er spann den Laplaceschen Gedanken von der vollständig berechenbaren Weltmaschine bekanntlich weiter: daß nämlich nach ungeheuer langen Zeiträumen alle möglichen Kombinationen und relativen Positionen, die die Teilchen zueinander einnehmen können, aufgebraucht seien und ein Zustand sich wiederholen müsse, der schon einmal dagewesen ist. Ab dann aber entwickele sich alles wieder nach den gleichen Gesetzmäßigkeiten, alles wiederhole sich bis aufs kleinste i-Tüpfelchen, so daß genau derselbe jetzige Moment nicht nur dieser jetzige ist, sondern auch der Moment, der sich vor Abermilliarden von Jahren schon einmal ereignet hat und sich in einer fernen Zukunft wieder ereignen wird. Die Unendlichkeit eingeschlossen in das rein Irdische – der Ouroboros beißt sich in seinen eigenen Schwanz, es gibt keinen Ausweg mehr aus der totalen Immanenz. Nietzsche ist sich des Beklemmenden oder Gespenstischen dieser Eingebung sehr wohl bewußt, dennoch ist sie ihm wie eine Offenbarung [1]:

„Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch einmal und noch unzählige Male leben müssen; und es wird nichts Neues daran sein, sondern jeder Schmerz und jede Lust und jeder Gedanke und Seufzer und alles unsäglich Kleine und Grosse deines Lebens muss dir wiederkommen, und Alles in der selben Reihe und Folge – und ebenso diese Spinne und dieses Mondlicht zwischen den Bäumen, und ebenso dieser Augenblick und ich selber. Die ewige Sanduhr des Daseins wird immer wieder umgedreht – und du mit ihr, Stäubchen vom Staube!“ – Würdest du dich nicht niederwerfen und mit den Zähnen knirschen und den Dämon verfluchen, der so redete? Oder hast du einmal einen ungeheuren Augenblick erlebt, wo du ihm antworten würdest: „du bist ein Gott und nie hörte ich Göttlicheres!“ Wenn jener Gedanke über dich Gewalt bekäme, er würde dich, wie du bist, verwandeln und vielleicht zermalmen; die Frage bei Allem und Jedem „willst du diess noch einmal und noch unzählige Male?“ würde als das grösste Schwergewicht auf deinem Handeln liegen! Oder wie müsstest du dir selber und dem Leben gut werden, um nach Nichts mehr zu verlangen, als nach dieser letzten ewigen Bestätigung und Besiegelung?
Das trotzige Nein zu aller Transzendenz, zu allem höheren Sinn ist es also, weshalb er sich diesem Gedanken hingibt und ihn für wertvoll und tief hält, obwohl er das Gemüt, wie er selbst schreibt, aufwühlen kann. Der Mensch als "Stäubchen vom Staube". Wer denkt nicht an den verächtlichen Fluch des Mephistopheles in Goethes Faust: "Staub soll er fressen, und mit Lust! Wie meine Muhme, die berühmte Schlange."

Das alles klingt nach einer Inspiration durch jene "Widersachermächte im Luftkreis", von denen im 6. Kapitel des Epheserbriefs die Rede ist (Eph. 6,11-12):

Ziehet an den Harnisch Gottes, daß ihr bestehen könnt gegen die Listen des Teufels. Denn wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit den Erzmächten und Gewalten, mit den Herren der Welt, die in dieser Finsternis herrschen: mit den bösen Geistern in den himmlischen Regionen.
Diese Wesen, die hier als reale unkörperliche Wesen beschrieben werden, versuchen Zugang zum menschlichen Geist zu bekommen – und bekommen ihn dort, wo der Boden durch Trotz, Eigensinn, Stolz, Narzißmus und Verhärtung vorbereitet wird. Das luziferische non serviam! wirkt wie eine Beschwörungsformel, wenn ein menschlicher Geist es ausspricht. So wirken die "Erzmächte und Gewalten" inspirierend auf Menschengeister, die sich ihnen bereitwillig öffnen. Wir können uns vorstellen, daß gerade durch besondere Menschen, die eine hohe Mission innerhalb der Welt zu erfüllen hatten, eine besondere Zerstörungskraft ausgeht, wenn sie sich dieser Geistesart hingeben.

Die folgenden Zeilen fanden die Herausgeber der Nietzsche-Werkausgabe in seinem Nachlaß – wie sie notierten, von Nietzsche "zweifellos in sehr großer Erregung" geschrieben:

Was ich fürchte, ist nicht die schreckliche Gestalt hinter meinem Stuhle, sondern ihre Stimme, auch nicht ihre Worte, sondern der schauderhaft unartikulierte und unmenschliche Ton jener Gestalt. Ja, wenn sie noch redete, wie Menschen reden...
Der Pfarrer und Kirchenhistoriker Walter Nigg, der sich mit Nietzsches Leben und Wesensart befaßt hat, hält dies nicht für eine Pathologie, sondern für einen Hinweis auf eine unheilvolle Inspiration, unter deren Schatten Nietzsches Denken stand [2]:
Die Gestalt, die am lichten Tag hinter seinem Stuhl auftaucht und ihm schauderhaft unartikulierte Laute ins Ohr flüstert, so daß Nietzsche in grenzenloser Furcht zusammenfährt, ist mit jenem Finger zu vergleichen, der auf die getünchte Wand die geheimnisvolle Schrift schrieb, die den König Belsazar zum Erbleichen brachte. Hier wie dort hat man es mit einem Zeichen aus der unsichtbaren Welt zu tun, das nach einer metaphysischen Deutung verlangt.
Hier hat man einen hautnahen Eindruck von den "dämonischen, zerstörerischen Kräften", von denen Hans Milch in seiner Predigt sprach.

Konsequenter Darwinismus

Die vom Naturforscher Charles Darwin (1809-1882) formulierte Evolutionstheorie möchte ich hier nicht inhaltlich betrachten – es wäre vermessen, das im Rahmen eines Blogposts zu tun. Erwähnt sei nur, daß sie von ihrer Wesensart genau dieses Motiv der "Hinaufentwicklung aus der Materie" anspricht, das für diesen neuen Geistesimpuls charakteristisch ist (und paßt auch zeitlich sehr genau: On the Origin of Species erschien 1859, in der Zeit nach seiner Forschungsreise auf der Beagle (1831-1836) hatte sich der Gedanke von der Entstehung der Arten durch Zuchtwahl und Auslese allmählich inkarniert).

Man hat politische Konsequenzen aus der Evolutionstheorie gezogen, die der Devise Nietzsches Was fällt, soll man noch stoßen! gleichen. Wenn der Mensch ein Produkt des "survival of the fittest" ist, wenn er durch einen Jahrmilliarden währenden, mitleidlosen Kampf der Lebensformen an die Spitze der Schöpfung gelangt ist, dann liegt es nahe, diesen Kampf nun auch unter Menschen weiter fortzusetzen, auf daß der Stärkere gewinne.

Daß dies keineswegs eine Verfälschung der Gedanken Darwins, sondern in diesen bereits angelegt ist, kann man in seinem Werk The Descent of Man, and Selection in Relation to Sex nachlesen. Dort macht er sich auf den Seiten 162f. Gedanken über die Bedeutung seiner Theorie für die menschliche Gesellschaft (wobei er die Ideen dreier anderer zeitgenössischer Naturforscher verwendete, die er zuvor als Quelle benannt hatte):

With savages, the weak in body or mind are soon eliminated; and those that survive commonly exhibit a vigorous state of health.

We civilized men, on the other hand, do our utmost to check the process of elimination; we build asylums for the imbecile, the maimed and the sick; we institute poor-laws; and our medical men exert their utmost skill to save life of every one to the last moment. There is reason to believe that vaccination has preserved thousands, who from a weak constitution would formerly have succumbed to small-pox.

Thus the weak members of civilized societies propagate their kind. No one who has attended the breeding of domestic animals will doubt that must be highly injurious to the race of man.

It is surprising how soon a want of care or care wrongly directed leads to the degeneration of a domestic race but excepting in the case of man himself hardly any one is so ignorant as to allow his worst animals to breed.

The aid which we feel impelled to give to the helpless is mainly an incidental result of the instinct of sympathy, which was originally acquired as part of the social instincts but subsequently rendered, in the manner previously indicated more tender and more widely diffused.

Nor could we check our sympathy, if so urged by reason, without deterioration in the noblest part of our nature.

The surgeon may harden himself while performing an operation, for he knows that he is acting for good of his patient; but if we were intentionally to neglect the weak and helpless it could only be for a contingent benefit with a certain and great present evil.

Hence we must bear without complaining the bad effects of the weak surviving and propagating their kind; but there appears to be at least one check in steady action, namely the weaker and inferior members of society not marrying so freely as the sound; and this check might be indefinitely increased, though this is more to be hoped for than expected, by the weak in body or mind refraining from marriage.

Schauen wir uns diese Stelle genau an: zunächst bemerkt er, daß Schwache und Kranke in den archaischen Gesellschaften "eliminiert wurden" – also getötet, ausgesetzt oder anderweitig aus dem Stamm entfernt. Den archaischen stellt er sodann die zivilisierten Gesellschaften gegenüber, in denen genau dies nicht gemacht werde: entgegen den Gesetzen der Evolution würde man es sich erlauben, diejenigen, die krank, behindert, irgendwie lebensunfähig sind, in Heimen zu pflegen; man würde Arme speisen, und die Ärzte würden mit allen Mitteln ihrer Kunst das Leben bis zum alleräußerst möglichen Moment verlängern. Durch Impfungen hätte man Tausende gerettet, die ohne Impfung aufgrund ihrer schwächlichen Konstitution den Pocken zum Opfer gefallen wären. Nun stellt er fest: kein Züchter würde bestreiten, daß ein solches Verhalten – die Schwachen überleben zu lassen – für die betreffende Art sehr schädlich sei. Es wäre nach seiner Einschätzung gut für die Menschheit, die Prinzipien der Züchtung, die man für jedes andere Tier anwendet, auch beim Menschen anzuwenden. Mit anderen Worten sei es höchst schädlich für die Menschheit (highly injurious), daß man die Schwachen und Kranken, die eigentlich nicht überlebensfähig seien, mit großem Aufwand am Leben halte.

Um Gutes zu tun, muß man das Schädliche fernhalten, Dinge mit "schlechter Wirkung" vermeiden. Es wäre also nach obiger Diagnose nur konsequent, den Schwachen zugrundegehen zu lassen, denn sein Überleben ist ja für die Menschheit, wie Darwin hier urteilt, "highly injurious". Man hat diese Dinge an dieser Stelle später auch konsequent zu Ende gedacht und mit der Ausführung begonnen. Im vermeintlichen Dienste einer "Veredelung des Erbguts" hat man zum Beispiel Behinderte sterilisiert oder sie vor oder gar nach der Geburt ermordet.

Darwin fand es überraschend, daß man diesen Grundsatz (die Schwachen auszusondern und zu töten) bei jeder anderen Art anwende, aber ausgerechnet bei der eigenen Art, beim Menschen selbst, vernachlässige. Er führt dies auf Sympathiekräfte zurück, die er als irgendwie erweiterte oder aufgeweichte Version des sozialen Instinkts bezeichnet (den er zuvor als für das Überleben der Menschen evolutionär positiv beschrieben hatte). Wir könnten auch diese Humanität nicht zurücknehmen, selbst wenn es die Vernunft uns sagen würde, "ohne daß die edelsten Teile unserer Natur verkümmern würden". Wir müßten daher die schlechten Folgen unserer Humanität ertragen (gleichsam zähneknirschend!). Einziger Trost sei, daß bei der Wahl des Ehepartners die Starken eine größere Wahlfreiheit hätten als die Schwachen, und daß die Schwachen sich öfter des Heiratens enthielten, worauf man allerdings eher hoffen könne als daß dies wirklich zu erwarten sei.

Die Humanität sei ein edler Zug des Menschen, den man aus irgendwelchen nicht genannten Gründen zu respektieren habe und um dessentwillen man die "schlechte Wirkung des Lebenbleibens und der Vermehrung der Schwachen" ertragen müsse.

Der Edelmut, um dessentwillen man dieses objektive Übel für die Menschheit hinnimmt, steht hier seltsam unbegründet im Raum. Man merkt, daß Darwin hier mit seinem Unternehmen, alles Verhalten aus der Selektion zu erklären, bei der menschlichen Humanität an seine Grenzen kommt. Daß die Ausbildung des sozialen Instinkts einer Gruppe einen Überlebensvorteil verschafft, ist ja noch einsehbar. Daß aber dieser soziale Instinkt so zu einer allgemeinen Humanität aufgeweicht ist ("more tender and more widely diffused" geworden ist) und man dies auch noch als einen der edelsten Züge im Menschen anzuerkennen habe, bleibt in Darwins eigenem Denken unverständlich. Bei seinem Versuch, das, was gut und was schädlich für die Menschheit sei, rein evolutionär zu begründen, ist überhaupt nicht einzusehen, wieso man dieser allgemeinen Humanität einen so hohen Platz einräumen sollte, zumal die Folgen des humanitären Handelns nach seiner eigenen Beobachtung ja dem entgegenlaufen, was gut für die Menschheit sei.

Auswirkungen auf das Seelenleben

Diese eigenartigen Mattheit oder Müdigkeit in Bezug auf die höheren Seelenkräfte des Menschen war Darwin sich auch in Bezug auf sein eigenes seelisches Leben bewußt. In den erst 1958 veröffentlichten autobiographischen Aufzeichnungen, die er als 67jähriger notierte, stellt er in nüchterner Selbstbeobachtung eine Verkümmerung seiner eigenen höheren Seelenanlagen fest [3, Hervorhebungen von mir]:
I have said that in one respect my mind has changed during the last twenty or thirty years. Up to the age of thirty, or beyond it, poetry of many kinds, such as the works of Milton, Gray, Byron, Wordsworth, Coleridge, and Shelley, gave me great pleasure, and even as a schoolboy I took intense delight in Shakespeare, especially in the historical plays. I have also said that formerly pictures gave me considerable, and music very great delight. But now for many years I cannot endure to read a line of poetry: I have tried lately to read Shakespeare, and found it so intolerably dull that it nauseated me. I have also almost lost my taste for pictures or music. Music generally sets me thinking too energetically on what I have been at work on, instead of giving me pleasure. I retain some taste for fine scenery, but it does not cause me the exquisite delight which it formerly did. On the other hand, novels which are works of the imagination, though not of a very high order, have been for years a wonderful relief and pleasure to me, and I often bless all novelists. A surprising number have been read aloud to me, and I like all if moderately good, and if they do not end unhappily–against which a law ought to be passed. A novel, according to my taste, does not come into the first class unless it contains some person whom one can thoroughly love, and if a pretty woman all the better.

This curious and lamentable loss of the higher aesthetic tastes is all the odder, as books on history, biographies, and travels (independently of any scientific facts which they may contain), and essays on all sorts of subjects interest me as much as ever they did. My mind seems to have become a kind of machine for grinding general laws out of large collections of facts, but why this should have caused the atrophy of that part of the brain alone, on which the higher tastes depend, I cannot conceive. A man with a mind more highly organised or better constituted than mine, would not, I suppose, have thus suffered; and if I had to live my life again, I would have made a rule to read some poetry and listen to some music at least once every week; for perhaps the parts of my brain now atrophied would thus have been kept active through use. The loss of these tastes is a loss of happiness, and may possibly be injurious to the intellect, and more probably to the moral character, by enfeebling the emotional part of our nature.”

Sein Geist wirkte also wie eine Maschine, wie ein Mühlstein, der eine Menge Fakten zermahlt, um daraus allgemeinere Prinzipien herzuleiten. Er findet es selbst beklagenswert, daß die höheren ästhetischen Empfindungen, die ihn in der Jugend noch beseelt und belebt hätten, ihm nach und nach abhanden gekommen seien und diagnostiziert, daß ihm damit nicht nur ein großer Teil seines Lebensglücks genommen sei, sondern wohl auch der Intellekt Schaden genommen habe, und, noch wahrscheinlicher, der moralische Charakter. Er ist Opfer einer Einkapselung ins Irdische, einer Materialisierung des Denkens geworden – und bemerkt es auch selbst.

Was auf dem Spiel steht

Erinnern wir uns an Hans Milchs Definition des sittlich Guten – es sei das, was dem Wesen des Menschen gemäß ist. Was aber der Mensch in seiner Wesenstiefe eigentlich ist, was sein Geheimnis, seine Würde, seine Bestimmung ist – davon haben wir uns durch diesen Einschlag des Materialismus im 19. Jahrhundert weiter entfernt denn je. Es waren im Geistigen gewaltige Zentrifugalkräfte wirksam, wir haben uns in die äußere Welt hineingearbeitet, ja hineingefressen bis zur Selbstaufgabe. Diese Gebärde der Einkapselung, des Sich-Selbst-Genügens, der Beschränkung auf das Sinnliche, der Verneinung alles Geistigen, ist heute nahezu allgegenwärtig.

Die Stoßrichtung dieser Entwicklung ist letztlich, uns von Jesus Christus zu entfremden: die Erlösungstat des Gottmenschen soll aus unserem Bewußtsein verdrängt, getilgt, letztlich ungeschehen gemacht werden. Diese Tat bestand darin, daß Er das Urbild der Gottesebenbildlichkeit in uns wiederherstellte, uns den Ausweg schuf, indem er die rettende Entscheidung in uns ermöglichte. Durch den Einbruch Gottes in die Erdenmenschheit ist es überhaupt wieder möglich, in den Himmel zu blicken. Sonst wäre das Gesetz der Schwere das einzig wirksame geblieben, die dumpfe, blind alles zermahlende Gesetzmäßigkeit, die sich - besonders deutlich in Nietzsches Gedanken von der Ewigen Wiederkehr - wie ein Fluch auf das Leben legt. Raum und Zeit wären zum Gefängnis geworden, das den Geist für immer versklavt, es hätte keinen Ausweg gegeben, keinen Lichtstrahl, der in diese Finsternis hineinleuchtete.

Aber das Licht leuchtete in der Finsternis: Christus hat sich hineinverkörpert mitten in diese fluchbeladene Welt, er ist mit seinem Menschenleben hineingegangen in die Gottferne, in die äußerste Entfernung zu sich selbst und hat den bösen Fluch damit von innen her entkräftet.


[1] Friedrich Nietzsche, Die fröhliche Wissenschaft. La gaya scienza. Nietzsches Werke, Klassiker-Ausgabe, Kröner 1923, Band V, S. 265
[2] Walter Nigg, Friedrich Nietzsche, Zürich 1994, S.7
[3] The Autobiography of Charles Darwin 1809-1882, Edited by his grand-daughter Nora Barlow, London and Glasgow 1958, S. 138f.

Samstag, 10. März 2018

Pathologischer Narzißmus - Karikatur menschlicher Größe

In meinen Betrachtungen über menschliche Größe habe ich auch die scheiternde und vermeintliche Größe behandelt. Das Thema verlangt jedoch wegen seiner Wichtigkeit eine gesonderte Behandlung. Besonders eine Form dieses Scheiterns, der krankhafte Narzißmus gefährdet einzelne ebenso wie unsere ganze Gesellschaft, die sich sowieso großflächig dem Narzißmus verschrieben hat.

Der Fall David Wood
Symptome der narzißtischen Persönlichkeitsstörung
Die politische Bedeutung
Die theologische Bedeutung
Vertrauen und Autorität

Der Fall David Wood

Ich will die Beschreibung dieses Phänomens mit der bewegenden Geschichte des heute 42jährigen Amerikaners David Wood einleiten, weil sie besonders eindrücklich einige typische Züge des krankhaften Narzißmus aufzeigt.

David Wood hatte von Kind auf bemerkt, daß er anders war als seine Mitschüler: Schwierigkeiten oder Leiden von anderen ließen ihn vollständig unbeeindruckt – es fehlte also das, was die Psychologen heute "Empathie" nennen. Diese gesunde Einfühlungsgabe, die die meisten Menschen von Natur aus ins Leben mitbringen, ist eine Voraussetzung für ein nicht nur gedanklich-abstrakt, sondern unmittelbar gefühlsmäßig von der Reziprozität geleitetes menschliches Handeln im Sinne der Goldenen Regel ("Behandle andere so, wie du es von ihnen erwartest, daß sie dich behandeln").

David Wood bemerkte also schon als Schüler, daß ihm diese Gabe der Empathie fehlte. Sie war in seiner seelischen Ausstattung einfach nicht vorhanden. Wo andere beispielsweise Mitgefühl empfanden, war bei ihm ein leerer Fleck.[1] Er sah sich aber nicht als defizitär - und das ist ebenfalls typisch für pathologischen Narzißmus - sondern sah diesen Mangel als Beweis seiner eigenen Überlegenheit. Er gehörte gewissermaßen einem höheren Menschentypus an, er fühlte sich als Übermensch, der nicht durch irgendwelche Sentimentalitäten in seinem Handeln gebremst wird, sondern der endlich - ungehindert von allen "falschen" Rücksichten - frei und souverän handeln kann. Wie er berichtet, festigte sich diese Ansicht bei ihm zur Gewißheit, als im Schulunterricht die Evolutionstheorie besprochen wurde: er sah sich als eine der wenigen Mutationen der Art homo sapiens, dessen Verhalten nicht mehr - wie das der Tiere und seiner Mitmenschen - durch irgendwelche emotionalen Kopplungen behindert wird, sondern der eine neue Stufe wirklicher, echter Freiheit erklommen hat. So fühlte er sich als eine evolutionäre Morgengabe einer neuen, zukünftigen Form des Menschseins. Wie er schreibt, haßte er die Gesellschaft, weil sie ihm lächerliche, seines höheren Menschseins unwürdige Regeln aufzwingen wollte. Gut und Böse waren für ihn nur gesellschaftliche Konstrukte, Konventionen von und für Sklavenmenschen.[2]

Sie werden das als Leser möglicherweise - und zu Recht - absurd finden. Er selbst sah sich in seinem Bewußtsein so, aber es muß offenbar auch in seiner Seele das Korrektiv rumort haben, das ihn aus dieser krankhaften Selbsteinschätzung zurückholen wollte. Solche Stimmen störten sein Selbstbild, er dürfte sie als atavistische Anfechtungen betrachtet haben, die ihn wieder zurück auf die normalmenschliche, für ihn also die quasi-tierische Ebene ziehen wollten.

Um diese zweifelnden Stimmen in seiner Seele endgültig zum Schweigen zu bringen, plante der damals Achtzehnjährige eine Handlung, die möglichst barbarisch sein sollte und gegen die alle menschlichen Affekte sich instinktiv auflehnen: er wollte seinen eigenen Vater umbringen, und dies auf eine möglichst brutale Weise - mit einem Hammer.

Das führte er dann entsetzlicherweise auch aus. Sein Vater - der ihm später sogar verziehen hat - überlebte die grausame Tat wie durch ein Wunder, und David Wood kam zuerst in ein Spital, wurde dann aber zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt. Im Gefängnis bekehrte er sich nach vielen langen Diskussionen mit einem Mithäftling zum Christentum. Sein christlicher Glaube ermöglicht es ihm heute, ein anständiges Leben zu führen - er ist glücklicher Familienvater und hat vier Kinder.

Wie ich seinen Lebensbericht verstehe, betrachtet er sich heute aber keineswegs als geheilt. Der blinde Fleck ist weiterhin vorhanden, aber er sieht ein, daß es sich um ein psychologisches Defizit, eine Krankheit handelt, und er hat gelernt, damit zu leben, und das, was ihm auf emotionaler Ebene fehlt, durch bewußte, rationale Überlegung auszugleichen und unter Kontrolle zu halten.

Symptome der narzißtischen Persönlichkeitsstörung

Die Lebensgeschichte von David Wood zeigt einige typische Züge der narzißtischen Persönlichkeitsstörung, zu deren Kernzügen immer ein ausgeprägtes Überlegenheitsgefühl gehört. Im Unterschied zu einem wirklich großen Menschen, der sich selbst allenfalls als Werkzeug für seine Sendung wichtig nimmt, verfällt der krankhafte Narzißt einem Kult um die eigene Größe und die eigene Person. Er ahmt also das äußere Erscheinungsbild des wirklich großen Menschen nach, ohne jedoch eine Golddeckung aufzuweisen, ohne Substanz, die dieses Gebaren rechtfertigen oder zumindest entschuldigen würde. Dennoch gelingt es ihm zu blenden und zu beeindrucken.

Stolz, Hochmut und Überlegenheitsgefühl sind die Hauptgefühle in seiner Palette der Emotionen – Empathie, Mitgefühl, Liebe dagegen fehlen vollständig. Andere Menschen werden nur als Werkzeug gesehen. Laut Sam Vaknin, einem israelischen Autor, dem die narzißtische Persönlichkeitsstörung (NPS) diagnostiziert wurde und der ihre Symptomatik daher von sich selbst gut kennt, kann ein Narzißt niemals echte Freunde haben, denn das Konzept der Freundschaft ist ihm fremd. Er wird den "Freund" immer nur als Werkzeug, als Mittel für die Durchsetzung der eigenen Zwecke sehen, letztlich dient er wie alle anderen Menschen nur seinem eigenen Amüsement. Er umschmeichelt und idealisiert ihn in der Anwerbungsphase, um ihn dann auszubeuten und, wenn er ihn nicht mehr braucht, genüßlich zu demontieren, zu desavouieren und zu vernichten.

Von Sam Vaknin kommt auch folgendes kurzes Porträt: der maligne Narzißt

verhält sich arrogant und hochmütig. Fühlt sich überlegen, allwissend, allmächtig, unbesiegbar, über dem Gesetz stehend und allgegenwärtig (magisches Denken). Zornausbrüche bei Frustration, Widerspruch oder bei Konfrontation mit Menschen, die er als ihm unterlegen oder minderwertig betrachtet.
Die narzißtische Persönlichkeitsstörung ist in der Psychologie wohlbekannt, und das Standardwerk The Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders der American Psychiatric Association nennt folgende acht Merkmale der narzißtischen Persönlichkeitsstörung:
301.81 Narzißtische Persönlichkeitsstörung (englisch narcissistic personality disorder, Abk. NPD): ein verbreitetes Syndrom, zu dem die eigene Größe (in der eigenen Vorstellung und im Verhalten), das Verlangen nach Bewunderung und ein Mangel an Empathie gehören. Die NPD beginnt im frühen Erwachsenenalter und ist durch mindestens fünf der folgenden Kriterien nachweisbar. Der Narzißt
  1. hat ein übersteigertes Bewußtsein von der eigenen Wichtigkeit (übertreibt seine Leistungen und Begabungen oder erwartet, daß er auch ohne angemessene eigene Leistungen als überlegen anerkannt wird);
  2. phantasiert von grenzenlosem Erfolg, Macht, Brillianz, Schönheit oder idealer Liebe;
  3. glaubt, daß er etwas ganz Besonderes und Einzigartiges ist, und daß er darin nur von ausgewählten Menschen oder Institutionen gewürdigt werden kann;
  4. erwartet grenzenlose Bewunderung,
  5. hält sich für privilegiert und nimmt Sonderrechte für seine Person in Anspruch, erwartet eine ihn begünstigende Sonderbehandlung und besondere Berücksichtigung seiner Bedürfnisse;
  6. gebraucht andere Menschen zu seinen eigenen Zwecken (“interpersonally exploitative”, beutet andere Menschen aus);
  7. hat keine Empathie: er ist nicht bereit, Bedürfnisse und Gefühle anderer Menschen anzuerkennen, zu respektieren oder sich in sie hineinzuversetzen
  8. verhält sich arrogant und hochmütig.
Der Theologe Douglas McManaman bringt das Wesen dieser Krankheit auf den Kernpunkt [3]:
Was den Narzißten charakterisiert, ist die Unfähigkeit, jemanden zu lieben.
So wie es eine gesunde und eine pathologische Selbstliebe gibt, so unterscheidet der Psychoanalytiker Erich Fromm auch gutartigen und bösartigen Narzißmus. Zusammen mit der Liebe zum Toten (Nekrophilie, im Gegensatz zur Liebe zum Leben) und der “symbiotischen Fixierung auf die Mutter” bildet der bösartige Narzißmus laut Fromm ein Syndrom, das er Verfallssyndrom nennt und als “Quintessenz des Bösen” bezeichnet: “es ist gleichzeitig der schwerste pathologische Befund und die Wurzel der bösartigsten Destruktivität und Unmenschlichkeit.” [4]

Die politische Bedeutung

Nun könnte man sich fragen: es gibt eine Menge Persönlichkeitsstörungen - auch solche mit schädlichen Wirkungen auf andere Menschen - was ist ausgerechnet am pathologischen Narzißmus so bedeutsam?

Eine Antwort liegt darin, daß pathologische Narzißten, wenn sie im Ausleben ihrer Krankheit eine gewisse Schläue und Zielstrebigkeit haben, einen enormen gesellschaftlichen Schaden anrichten können, denn ihre Krankheit begünstigt sie beim Vorwärtskommen in Hierarchien. Die Konsequenz daraus - und die Begründung - wird als Obertsches Gesetz bezeichnet (nach dem deutschen Physiker und Raumfahrtforscher Hermann Oberth) [5]:

Im Leben stehen einem anständigen Charakter so und so viele Wege offen, um vorwärtszukommen. Einem Schuft stehen bei gleicher Intelligenz und Tatkraft auf dem gleichen Platz diese Wege auch alle offen, daneben aber auch noch andere, die ein anständiger Kerl nicht geht. Er (der Unanständige) hat daher mehr Chancen, vorwärtszukommen, und infolge dieser negativen charakterlichen Auslese findet eine Anreicherung der höheren Gesellschaftsschichten mit Schurken statt. Das ethische Durchschnittsniveau einer Gesellschaftsschicht wird umso schlechter, je besser und einflußreicher sie gestellt ist.

Nur dieser Umstand vermag die Tatsache zu erklären, warum die Welt nicht schon seit mindestens fünftausend Jahren ein Paradies ist.

Die Beobachtung selbst ist von bestechender Logik: es kann gar nicht anders sein, pathologische Narzißten haben gerade wegen ihrer mangelnden Empathie einen Vorteil beim Aufstieg in der sozialen Hierarchie.

Oberths abschließendes Fazit (daß "nur deshalb die Welt kein Paradies sei") muß man deswegen nicht teilen, es ist viel zu utopisch vom Menschen gedacht. Die Welt wäre auch dann kein Paradies, wenn es gar keine pathologischen Narzißten gäbe. Sie sind aber auf jeden Fall ein breites Einfallstor für Unheil, sagen wir es klarer, für das Böse in die Gesellschaft. Auf dieser Beobachtung gründet der polnische Psychologe Andrzej Lobaczewski seine Politische Ponerologie, die "Wissenschaft vom makrosozialen Bösen".

Daß, wie es das Oberthsche Gesetz nahelegt, der pathologische Narzißmus in den Führungsschichten der Gesellschaft stärker repräsentiert ist, mag man bedauern, es ist aber unvermeidlich. Die Konsequenz des Oberthschen Gesetzes ist unausweichlich, jedenfalls solange man überhaupt zugesteht, daß eine Gesellschaft einer politischen Elite bedarf, um zu bestehen. Umso wichtiger wird es, in der Gesellschaftsordnung Mechanismen zu haben, um sich schädlicher Führungspersonen rasch zu entledigen und überhaupt ihren Einfluß auf irgendeine Art zu regulieren oder zu kontrollieren. In einer säkularen, demokratisch organisierten Gesellschaft wären solche Mechanismen etwa die Gewaltentrennung, kurze Amtszeiten für Abgeordnete, Personenwahl vor Parteienwahl, überhaupt Mechanismen zur Begrenzung des Parteieneinflusses, plebiszitäre Elemente wie Volksentscheide, sowie Subsidiarität; dies alles hatte ich in meinem Blog über direkte Demokratie näher ausgeführt.

Leider gewinnen selbst bei bester Anlage im demokratischen Staat die Kräfte langfristig die Oberhand, die sich hinter den Fassaden einnisten, dort ihre Seilschaften bilden und durch die personellen Verflechtungen Kontrollmechanismen wie Gewaltentrennung schließlich unwirksam machen. In Deutschland ist dies schon lange der Fall, vor allem wegen der übermäßigen Macht, die die Bundesrepublik den politischen Parteien zugesteht. Einer, der dies seit Jahren unerbittlich beobachtet und anprangert, ist der deutsche Verfassungsrechtler Hans Herbert von Arnim. Es scheint, daß die Demokratie nicht die Mittel hat, um diese Art von Kontrollmechanismen aus sich heraus dauerhaft zu erhalten, sie erodieren jedenfalls zusehends.

Außerdem ist zu bedenken, daß eine Demokratie auf die Dauer den Narzißmus in der ganzen Breite der Gesellschaft begünstigt. Zum Wesen des demokratischen Prinzips gehört – aufgrund der gleichen Machtverteilung durch die Wahlstimme auf alle Bürger – ein Gleichheitsgedanke, der Dinge wie Unterordnung, Gehorsam, Opfer, Verantwortung immer mehr zu einer Zumutung, einer Anmaßung, zu etwas Unerträglichem macht. Das fördert insgesamt den Narzißmus in gewaltigem Ausmaß, denn die Haltung, sich selbst ganz großartig zu finden, den individuellen Lebensgenuß als den Sinn des Lebens an sich zu definieren ("ein selbstbestimmtes Leben zu führen") und jede Art von Opfern oder Beiträgen an die Gemeinschaft als Zumutung von sich zu weisen, entspricht am besten dem Geist der Demokratie, wird am wenigsten ausgebremst und setzt sich daher auf lange Sicht durch. Nun ist nicht jeder Narzißmus ein pathologischer, aber wenn der Narzißmus insgesamt zu einem Breitenphänomen wird, steigt natürlich auch die Zahl der pathologischen Narzißten. Man kann also die politische Problematik des Narzißmus nicht auf die Eliten begrenzen. Der pathologische Narzißmus nimmt nicht nur in den Eliten, sondern in der Gesamtheit des Volkes zu, auch wenn natürlich zugestanden werden muß, daß Narzißten in gesellschaftlichen Führungspositionen ein viel höheres Schadenspotential haben.

Die theologische Bedeutung

Wenn selbst ein Marxist wie Erich Fromm den pathologischen Narzißmus als "Quintessenz des Bösen" bezeichnet und Lobaczewski auf ihm die Wissenschaft vom "makrosozialen Bösen" begründet (eben seine politische Ponerologie), so liegt es nahe, dieses Phänomen in einen theologischen und moralischen Kontext zu stellen. Das hilft einerseits, das Phänomen in seiner Tiefe zu verstehen, andererseits kann es auch Auswege weisen.

Genau dies tut der schon erwähnte Theologe Douglas McManaman in seinem Essay Narcissism and the Dynamics of Evil.

McManaman leitet in das Thema mit einer grundsätzlichen Betrachtung über Gut und Böse ein. Er stellt klar, daß Gutsein etwas mit Sein zu tun hat: es ist das Sein selbst, das gut, d.h. im Sinne des Ziels, auf das es hin geschaffen ist, Wirklichkeit wird: “gut” ist die Vollkommenheit des Seins. Böse hingegen ist ein Mangel an Gutem, eine Unvollkommenheit, ein fehlendes Gut-Sein, ein Defekt, eine privatio boni. Das moralisch Böse setzt aber die Erkenntnisfähigkeit voraus, ein Tier kann nicht böse sein. Es muß darin aber eine bewußte Abkehr vom Guten liegen, im Sinne einer Abkehr vom Auf-Etwas-Hingeordnetsein der Dinge kann man das Böse ungeordneten Willen nennen.

Der gute Wille als Wille zum Guten ist dagegen Wohlwollen (benevolentia): gespeist von Liebe. Der von benevolentia erfüllte Mensch will das Gute des anderen, aber auch das eigene Gute. Nach einer Definition von Ulpian ist Gerechtigkeit das stete Bemühen, jedem sein Recht zukommen zu lassen (iustitia est constans et perpetua voluntas ius suum cuique tribuendi). [6] Eine unrechte Handlung dagegen verweigert dem anderen sein Recht auf irgendein Gut, sei es auf Wahrheit, auf sein Eigentum, sein Leben usw.

Wenn man es noch etwas genauer betrachtet, schmarotzt das Böse - wie in diesen Fällen - grundsätzlich von einem anderen Guten. “Nichts kann böse sein, außer etwas, das gut ist” (Augustinus).

Der Mensch erschafft sich zwar nicht selbst, wie modische Denkströmungen und zeitgeistige Philosophien es uns einflüstern, sondern ist ein Geschöpf Gottes. Dank seiner Willensfreiheit und seiner Fähigkeit der Erkenntnis des Guten und Bösen erbaut er aber durch seine Willensentschlüsse seine moralischen Persona, wie ich es nennen würde (McManaman spricht von “Charakter”). Genauer gesagt, beraubt er sich selbst seiner Seins-Substanz, je mehr er sich entschließt, böse zu handeln, z.B. andere Menschen nicht wie sich selbst zu behandeln, sondern als Mittel für eigene Zwecke zu verwenden. Mit dem Schwinden der Seins-Substanz schwindet aber auch die Selbstachtung, es kommt zum Selbsthaß.

Paradoxerweise geht der Selbsthaß mit dem Egoismus einher, einer verzerrten Form der Selbstliebe, gekennzeichnet durch Mißachtung der Goldenen Regel. Der Egoist sieht sich vor anderen Menschen als bevorrechtet an. Er hat also nicht etwa durch Verdienst oder eine besondere schicksalsgegebene Aufgabe ein Vorrecht, sondern weil er selbst so ein großartiger, überlegener Mensch ist (falls er sich überhaupt die Mühe macht, diesen eigenen Anspruch auf Sonderbehandlung und Sonderrechte zu begründen). Er selbst steht im Mittelpunkt, andere Menschen an der Peripherie und sind allein dadurch von Interesse, als sie seinen eigenen Interessen dienen können.

Der Egoist, der ein Stück seiner eigenen Existenz dafür preisgeben muß, daß er anderen ihre Rechte verweigert, wird dumpf dieses Stück Nichts, dieses Loch in seiner eigenen Seele bemerken. Um diese Wahrnehmung zu verdrängen, sucht er Bestätigung, Verehrung, Gehorsam - und genießt es, wenn andere ihn fürchten. Er weiß es auch zu verbergen, daß andere Menschen für ihn nur Mittel zum Zweck sind. Je intelligenter er ist, umso mehr kann er dem Mitmenschen den Eindruck vermitteln, er liebe ihn um seiner selbst willen.

Beim Lesen der Ausführungen McManamans muß ich unweigerlich an “Das Bildnis des Dorian Gray” denken. Es wird in poetischer Weise genau das Verhaltensmuster des Narzißten beschrieben - auf dem Dachboden verwahrt ist das wahre Bild seiner häßlichen Seele, die mit jeder seiner Taten häßlicher wird, während Dorian Gray selbst sich vor den anderen seine blühende jugendliche Schönheit bewahrt. Das ist vielleicht nicht nur als erbauliches, moralisches Märchen gemeint, sondern enthüllt die Tragik einer narzißtisch-soziopathischen Persönlichkeit.

In gewisser Weise repräsentiert diese Sorte Menschen das genaue Gegenteil des großen Menschen, den ich in meinem letzten Blog zu charakterisieren versuchte: sie versuchen gerade nicht, die ideale Form auszufüllen, auf die hin sie geschaffen sind, sondern sie weisen diese Form von sich und erbauen eine hohle Gegenform.

Um es noch mehr auf den Punkt zu bringen, könnte man sagen: der Narzißt pervertiert das christliche Hauptgebot der Liebe (Lk 10,27)

Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben, aus deinem ganzem Herzen, aus deiner ganzen Seele, aus deiner ganzen Kraft und aus deinem ganzen Denken, und deinen Nächsten wie dich selbst.
in das größtmögliche Gegenteil: an die Stelle der Gottesliebe tritt die Ich-Vergottung, und alle Mit- und Nebenmenschen werden im Lichte der eigenen glanzvollen Persönlichkeit zu minderwertigen Menschen. Eine stärkere Antithese zum christlichen Hauptgebot der Liebe ist nicht vorstellbar.

Natürlich stellt der pathologische Narzißt für die Gesellschaft ein ungeheures Schadenspotential dar – man stelle sich nur vor: in einer Führungsposition kann er einen Angriffskrieg befehlen oder gewaltige staatliche Verbrechen anzetteln, ohne auch nur einen Funken Schuldgefühl oder schlechtes Gewissen zu empfinden. Er kann die Führungsposition der Form nach ausfüllen und – mit Hilfe der ihm übertragenen Macht – hinter dieser Fassade perversen Gelüsten nachgehen und sich hemmungslos auf Kosten anderer Menschen amüsieren.

Dennoch sollte man nicht vorschnell den pathologischen Narzißmus in ein simplifizierendes Schema einordnen, das ich bei anderer Gelegenheit das linke Fundamentalnarrativ genannt habe (das zwar ganz besonders bei Linken gepflegt wird, aber nicht weniger verlockend auf Rechte und Libertäre wirkt):

"Die herrschende Klasse lebt von der Arbeit, dem Leid, Blut, Tod und den Konflikten der Menschen und zieht daraus eigenen Profit."
Für "herrschende Klasse" setzen verschiedene Ideologien hier verschiedene Gruppen von Menschen ein. Man könnte auch die Gruppe der pathologischen Narzißten einsetzen. Der Grundfehler dieses Narrativs ist der Irrglaube, man müßte nur diese jeweils benannte Menschengruppe (die Kapitalisten, die Juden, die Hochfinanz, alle Staatsbeamten, oder eben die pathologischen Narzißten) irgendwie loswerden, unschädlich machen oder die Gesellschaft ohne sie organisieren, und schon würde alles gut, würde die Welt zum Paradies, wie Oberth ja wörtlich sagt.

Das ist eine vereinfachende Immanentisierung eines viel tiefer liegenden Sachverhalts. Leid, Schmerz und Tod gäbe es auch, wenn es auf der Welt keinen einzigen pathologischen Narzißten gäbe. Leid, Schmerz und Tod gehören zur conditio humana, sie sind, theologisch gesprochen, Folgen der Erbsünde, die dieser Welt bis zum Jüngsten Tag anhaften werden.

Um im theologischen Rahmen zu bleiben: das linke Fundamentalnarrativ ist dennoch nicht grundsätzlich falsch, es liegt ihm eine wahre Beobachtung zugrunde: daß nämlich die Welt im Griff einer Widersachermacht ist. Es ist keine konkrete Menschengruppe, die sich von Leid, Haß und Konflikten unter den Menschen nährt, sondern eine übernatürliche Macht, die in der Sprache der Religion "der Fürst dieser Welt" genannt wird, und er würde immer versuchen, sich Geltung zu verschaffen, egal wie wir unsere Gesellschaften organisieren und strukturieren, und egal welche Menschengruppen wir in Führungspositionen haben.

Aus diesem Grunde spricht übrigens die amerikanische Katholikin Ann Barnhard in einem instruktiven, gründlichen, dreistündigen Vortrag vom diabolischem Narzißmus – mit dem Beiwort diabolisch will sie betonen, daß in dieses Phänomen eine übernatürliche Komponente hineinspielt, ohne die es nicht umfassend verstanden werden kann.

Vertrauen und Autorität

Zu echter Autorität gehört nicht nur Härte, sondern auch Milde und Demut. Wer in einer Führungsposition steht, hat eine ungeheuer schwere Verantwortung vor denen, die er führt. Das Mißbrauchspotential ist gewaltig. Eine guter Herrscher muß in beständiger Sorge darum leben, das Richtige für die ihm anvertrauten Menschen zu tun. Seine Persönlichkeit sollte harmonisch ausgebildet und möglichst frei von irgendwelchen Schieflagen, Einseitigkeiten oder Einbildungen sein. Er sollte umfassendes Verständnis für und Einfühlung in die Probleme der ihm Unterstellten aufbringen. Den Gehorsam der ihm anvertrauten Menschen kann er umso mehr erwarten, je mehr er selbst sich mit seiner Aufgabe als Diener ansieht - im Dienste des Wahren, des Guten, der Gerechtigkeit, im Dienste Gottes und im Dienste seines Volkes.

Fluch über die Menschen, die nur um des Wohllebens, des sozialen Prestiges oder des Machtgenusses willen nach Führungspositionen streben! Sie schaden nicht nur sich selbst und anderen durch ihr konkretes Tun, sondern sie verderben auch allgemein das Vertrauen in die Führung, dessen eine Gesellschaft bedarf, um fortzubestehen.

So sah es noch der Preußenkönig Friedrich der Große:

Also, Wahrung des Rechtes [...] ist demnach eines Herrschers erste Obliegenheit. Über alles soll ihm seiner Völker Wohlfahrt gehen. Ihres Gedeihens oder Behagens Mehrer oder auch Begründer hätte er demnach zu sein. Aber was sollen dann all diese Begriffe Eigennutz, Hoheit, Ehrgeiz, Despotismus? So läuft es darauf hinaus, daß der Herrscher, weit entfernt, der unumschränkte Gebieter über seine Untertanen zu sein, nur ihr erster Diener ist, das Werkzeug ihres Glückes, wie jene das Werkzeug seines Ruhmes. [7]

Wenn man aufhört, Herrschaft in diesem Sinne zu verstehen, wird sie nicht mehr in der ihrer Natur gemäßen Weise ausgeübt.

Ob als Herrschender oder Beherrschter: der Narzißt hat ein grundsätzliches Problem mit Herrschaft. Gehorchen zu müssen, ist eine Beleidigung seiner vermeintlich göttlich-übermenschlichen Identität: da ballt er die Faust und schleudert den Herrschenden sein non serviam! entgegen. Ist er aber selbst in einer Herrschaftsposition (wozu es ihn natürlich drängt), verwendet er die ihm übertragene Macht in einer Art, die den Begriff und Sinn von Herrschaft karikiert und nachhaltig zersetzt.

Zusammenfassend läßt sich sagen: um sich gegen sie zu wappnen, ist es nützlich, die Tricks und Spielchen der pathologischen Narzißten – beispielsweise Projektion und Gaslighting – sicher zu erkennen. In einer großflächig dem Narzißmus verfallenen Gesellschaft kann ihr destruktives Potential gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Leider wird das Phänomen nicht aus der Welt verschwinden, wir werden mit diesen Menschen weiterhin leben müssen. Aber das Wissen um ihre Störung kann helfen, sie zu entschärfen.


[1] Eine interessante Frage, auf die er aber nicht eingeht, wäre, ob das immer so war, seit er sich erinnern konnte, oder ob er sich irgendwann im Jugendalter in diese Seelenverfassung hineinmanövriert hatte. Die American Psychiatric Association konstatiert jedenfalls, daß die narzißtische Persönlichkeitsstörung "im frühen Erwachsenenalter" beginnt.
[2] https://www.premierchristianity.com/Past-Issues/2016/May-2016/David-Wood-From-Nihilism-To-New-Life
[3] Douglas McManaman, Narcissism and the Dynamics of Evil. https://www.catholiceducation.org/en/culture/catholic-contributions/narcissism-and-the-dynamics-of-evil.html, zuerst in Life Magazine 2005.
[4] Erich Fromm, Die Seele des Menschen und ihre Fähigkeit zum Guten und zum Bösen, Open Publishing Rights GmbH, 2014, S. 33
[5] Hermann Oberth: Wählerfibel für ein Weltparlament, Feucht 1983, S. 52
[6] Zitiert im Codex Iuris Civilis, 1.1.10, dem römischen Bürgerrecht, auf dessen Grundsätzen und Regeln unsere Rechtsprechung bis heute basiert. Hier wird das Ulpian-Zitat zur Definition der Rechtsprechung verwendet.
[7] Friedrich II. von Preußen: Der Antimachiavell - Kapitel 3, online bei Projekt Gutenberg

Sonntag, 17. Dezember 2017

Über menschliche Größe

Zu allen Zeiten und in allen Völkern hat es große Menschen gegeben: Menschen, die durch Wort und Tat hervortraten und durch ihre besondere Ausstrahlung vielen zum Vorbild wurden. Was ist ihr Geheimnis? Was macht einen großen Menschen aus?

Die vertikale Dimension
Versuch einer Begriffsbestimmung
Scheiternde und scheinbare Größe
Der größte Mensch
Die Sendung und die Person
Quantität und Qualität
Schein-Größe im Massenzeitalter
Vom Kult des Kleinen
Ein Klima für Größe
Erziehung und Bildung
Ehe und Familie
Disziplin und Autorität
Umschlag der totalen Demokratie in die Tyrannis
Liberalismus und gute Volkserziehung
Den Weg bereiten

Die vertikale Dimension

Um sich dem Geheimnis des großen Menschen zu nähern, muß man sich zuerst von gewissen falschen, heute sehr verbreiteten Vorstellungen über Welt und Mensch lösen. Der große Mensch kann nur verstanden werden, wenn klar ist, daß alle Dinge eine Form haben, die sie, wie unvollkommen auch immer, ausfüllen, ebenso wie sie ein Ziel haben, auf das sie hin gerichtet sind. Das gilt insbesondere für den Menschen: jeder Mensch ist eine ἐντελέχεια (Entelechie), ein Wesen mit einem eingeschriebenen Ziel, auf das hin er gerichtet ist. Diese Formen oder eingeschriebenen Ziele gehören zu einer vollständigen Beschreibung der Dinge genauso dazu wie ihre Materialität und ihr Bewirktsein durch andere Dinge.

Die Welt hat nicht nur eine horizontale Dimension, sie schreitet nicht voran zu immer vollkommeneren Zuständen, wie es uns ein heute allgegenwärtiger naiver Geschichtsoptimismus weismachen will. Sondern die Vollkommenheit eröffnet sich dem Menschen zu jeder Zeit und in jeder Gesellschaftsform durch eine andere als diese horizontale, zeitliche Dimension. Unser Leben ist nicht nur als Übergangsform von Wert, und nicht etwa nur insofern, als es einer zukünftigen besseren Gesellschaft gedient haben wird. Das Leben bekommt seine Würde durch eine andere, zu allem Fortschritt oder auch nur vermeintlichen Fortschritt vertikale Dimension.

Wer das Hohe, das Ideale nur in einem utopischen Zielpunkt der Entwicklung des Menschengeschlechts sieht, zwingt den Menschen in die Horizontale. Seine Mitmenschen an die Hand zu nehmen und entlang der Zeitachse einem imaginierten Menschheitsziel entgegenzuschreiten, ist die Fortbewegungsart des Kriechtiers. Dabei übersieht man, daß die volle Würde und Entfaltung des einzelnen Menschen wie auch der Völker in ihrer idealen Wirklichkeit liegt, die ihnen aus ihrem reinen Sein gegeben ist, gewissermaßen jenseits der Zeitachse. Nur wer diese Vertikale anerkennt, der kann auch die Würde des Menschen begreifen, die in seiner kostbaren Einzigartigkeit begründet ist.

All diese in der Vertikalen angelegten Ideale sind bereits hier und jetzt erkennbare Wirklichkeiten und werden nicht erst in der Zukunft manifest. Sie geben dem einzelnen Sinn und Ziel und lassen Gesellschaften aufblühen, die gemäß dieser vertikalen Dimension organisiert sind.

Zivilisierte Gesellschaften sind nicht möglich ohne Herrschaft - wozu als notwendiger Gegenpart auch Unterordnung gehört. Herrschaft aber impliziert Autorität, Eliten und eine hierarchische Ordnung. Gesellschaften erblühen umso mehr, je mehr sie die Prinzipien von echter Hierarchie, von echter Autorität, von echten Eliten in ihrer ganzen Tiefe zu verkörpern suchen. Unter diesen Umständen sind große Menschen gesellschaftliche Vorbilder; sie ragen als Leuchtfeuer heraus und regen viele dazu an, selbst Großes zu leisten und ihrerseits das, was in ihnen angelegt ist, zur Entfaltung zu bringen.

Versuch einer Begriffsbestimmung

Ein Rückblick in die Geschichte lehrt, daß kulturelle Blütezeiten wie beispielsweise die Renaissance, oft mit einer winzigen Zahl von Menschen verknüpft sind, die aber ihrer Zeit gewaltige Kulturimpulse einpflanzten. Diese besonderen Menschen flammten wie aus dem Nichts plötzlich auf, ihre Wege kreuzten sich oft auf wunderbare Weise mit anderen Großen, um in schicksalhaften Synthesen noch Größeres zu vollbringen, und was sie in die Welt setzten, brachte nicht nur ihre eigene Zeit zum Erblühen, sondern lebte oft noch über Jahrhunderte nach. Was ist das Geheimnis dieser Menschen? Was macht ihre Größe aus? Was ist überhaupt ein großer Mensch?

Das Phänomen menschlicher Größe ist ein Studienbeispiel für das Wirken der Idee. Ich will eine Definition versuchen, die diesen Punkt zur Geltung bringt:

Große Menschen bringen eine Sendung, die sie in sich spüren, und der sie ihr Leben vollständig unterordnen, die sie also zum herrschenden Gedanken ihres Lebens machen, in der Welt zur Wirksamkeit.
Der konkrete Inhalt dieser Sendung ist dabei individuell verschieden und für die Definition nicht entscheidend. Maßgeblich ist nur, daß eine solche Sendung gespürt und mit aller Entschlossenheit gelebt wird. Was ich hier Sendung nenne, ist gleichsam die Form oder Artung des einzelnen Menschen, die in ihm liegt wie der ausgewachsene Baum im Samenkorn - nur daß es anders als beim Samenkorn der Mensch selbst ist, der durch eigene Aktivität und seinen Willen diese in ihm liegende Form zu erkennen und zu verwirklichen sucht. Schiller formulierte es dichterisch:
Suchst du das Höchste, das Größte, die Pflanze kann es dich lehren:
Was sie willenlos ist, sei du es wollend - das ist’s!

Scheiternde und scheinbare Größe

Definitionen gewinnen ex negativo an Klarheit: was ist nicht groß, sondern allenfalls scheinbar groß? Woran kann Größe scheitern?

Größe kann auf dreierlei Weisen ihren Begriff verfehlen:

Erstens kann man die eigene Sendung falsch wahrnehmen. Man kann sich tragischerweise einbilden, eine bestimmte Sendung zu haben, die man de facto nicht hat, und diese eingebildete Sendung sehr entschieden und durchaus mit der erforderlichen Energie verfolgen. Die Mathematischen Institute der Welt kennen die sogenannten Winkeldreiteiler: das sind Menschen, die ihr ganzes Leben dem Beweis einer mathematischen oder geometrischen Aussage verschrieben haben, die aus wissenschaftlicher Sicht längst entschieden ist. So wurde durch eine von Evariste Galois (1811-1832) entwickelte Theorie endgültig bewiesen, daß es nicht möglich ist, einen beliebig vorgegebenen Winkel mit Zirkel und Lineal zu dritteln, oder die Kreiszahl π mit Zirkel und Lineal zu konstruieren (ein klassisches Problem, das die Quadratur des Kreises genannt wird). Dennoch probieren dies Forscher bis heute unablässig und senden die umfangreichen Studienhefte, die bei ihren Nachforschungen entstehen, zur Begutachtung an Mathematikprofessoren. Wenn sich diese mit Verweis auf Galois’ Ergebnisse und auf die knappe menschliche Lebenszeit weigern, die in den Beweisversuchen notwendig enthaltenen Fehler im Detail nachzuweisen und zu erklären, fühlen sich die Winkeldreiteiler als verkannte Genies, als Opfer akademischer Arroganz. Thomas Mann hat solche zutiefst tragischen Gestalten im “Zauberberg” porträtiert:

Der entgleiste Beamte hatte sich im Lauf seiner Studien mit der Überzeugung durchdrungen, daß die Beweise, mit denen die Wissenschaft die Unmöglichkeit der Konstruktion erhärtet haben wollte, unstichhaltig seien, und daß die planende Vorsehung ihn, Paravant, darum aus der unteren Welt der Lebendigen entfernt und hierher versetzt habe, weil sie ihn dazu ausersehen, das transzendente Ziel in den Bereich irdisch genauer Erfüllung zu reißen. So stand es mit ihm. Er zirkelte und rechnete, wo er ging und stand, bedeckte Unmassen von Papier mit Figuren, Buchstaben, Zahlen, algebraischen Symbolen, und sein gebräuntes Gesicht, das Gesicht eines scheinbar urgesunden Mannes, trug den visionären und verbissenen Ausdruck der Manie. Sein Gespräch betraf ausschließlich und mit furchtbarer Eintönigkeit die Verhältniszahl pi, diesen verzweifelten Bruch, den das niedrige Genie eines Kopfrechners namens Zacharias Dase eines Tages bis auf zweihundert Dezimalstellen berechnet hatte –, und zwar rein luxuriöserweise, da auch mit zweitausend Stellen die Annäherungsmöglichkeiten an das Unerreichbar-Genaue so wenig erschöpft gewesen wären, daß man sie für unvermindert hätte erklären können. Alles floh den gequälten Denker, denn wen immer ihm an der Brust zu ergreifen gelang, der mußte glühende Redeströme über sich ergehen lassen, bestimmt, seine humane Empfindlichkeit zu wecken für die Schande der Verunreinigung des Menschengeistes durch die heillose Irrationalität dieses mystischen Verhältnisses.
Zweitens kann auch eine “Sendung zum Bösen” gelebt werden, und auch darin kann man eine gewisse relative Größe erlangen. Im politischen sind die Früchte einer Sendung zum Bösen: Zerstörung, Terror und kultureller Verfall. Die Größe, die durch eine Sendung zum Bösen entsteht, ist allerdings nur eine Abschattung, eine Karikatur wahrer Größe. Der gerissenste Meisterdieb, der größte Halunke, der zu Ruhm gekommene Quacksalber oder Hochstapler - ihre Bilder verblassen nach kurzer Zeit, und ihre Größe ist eine Art von Mimikry, eine Nachahmung der äußeren Gebärden des wahren großen Menschen. Es fehlt die Substanz. Zur wahren Größe gehört eine gute Sendung.

Drittens kann eine Sendung zwar objektiv richtig sein und auch gut, aber man kann an ihr scheitern - sei es, daß man Heranbildung der eigenen Kräfte zum Ziele hin falsch einschätzt, sei es durch Schicksalshärten wie Krankheit, Armut, Hunger, Gefangenschaft, Krieg usw., sei es durch andere, intervenierende Lebensaufgaben oder Pflichten. So hat ein Samenkorn zwar den Baum als Form in sich, wenn es aber in einem schlechten Boden wachsen soll, kann es die Form gar nicht oder nur unzulänglich ausfüllen. Das gilt nicht nur für die Voraussetzungen, sondern auch für die äußeren Umstände: ebenso wie der Boden kann auch das Klima - etwa eine Reihe dürrer Jahre - dem Baum einen Strich durch die Rechnung machen.

Der größte Mensch

Das Beispiel Jesu zeigt übrigens, daß dieser dritte Punkt, die objektive Einschätzung des Erfolgs einer Mission, schwierig ist. Nach menschlichem Ermessen war mit der Kreuzigung Christi alles verloren. Es bleibt nach menschlichen Maßstäben unverständlich, daß ein einzelner Mensch, der darüberhinaus noch als Verbrecher starb und von seinem eigenen Volk verflucht und in den Tod geschickt worden war, zur Gründungsperson einer Kirche werden konnte, die wo immer sie Einfluß erlangte, eine bedeutende zivilisierende und kultivierende Größe wurde.

Ich will kurz ins Religiöse ausgreifen: denn die Vorstellung, daß Dinge eine Form haben, nach der oder auf die hin sie geschaffen sind, ist älter als alle Philosophie, älter als Plato, und urständet in der Religion. Sie wird etwa auch von den Verfassern des Schöpfungsberichts geteilt. Denn dort lesen wir, daß Tier und Mensch “ein jegliches nach seiner Art” geschaffen wurden. Das ist mit Sicherheit nicht bloß eine Redensart, sondern enthält die Auffassung, daß allem ein Typus, eine Idee zugrundeliegt, die ein Teil seiner Wirklichkeit darstellt. Was aber ist die Form, die Art, das Urbild des Menschen? Das Urbild des Menschen ist der als Gottes Ebenbild erstrahlende Adam Kadmon, der selbst Anteil am göttlichen Wesen hat. Denn gemäß Schöpfungsbericht ist der Mensch “nach Gottes Ebenbild und Gleichnis geschaffen”. Jeder Mensch trägt dieses Urbild in sich, ist “zu Gott hin geschaffen”, wie der Hl. Augustinus von Hippo es ausdrückte. Demnach ist der größte Mensch unter allen Menschen, die je gelebt haben - Jesus Christus. Denn als Sohn Gottes hat er diesen Urtyp auf die vollkommenst mögliche Weise gelebt, als "letzter Adam" hat er dieses Urbild verwirklicht. Seine Sendung war identisch mit seiner Person, und sein Leben zeigt die vollständige Unterordnung unter diese Sendung, bis hin zum Opfertod am Kreuz.

Die Sendung und die Person

Nun ist Jesus Christus allein dadurch ein absoluter Ausnahmemensch, daß er, der sich der Menschensohn nannte, das Urbild des Menschen in seiner völligen Unmittelbarkeit verkörperte. Für uns andere gilt, daß wir nicht nur dieses allgemeinen Urbild, sondern auch ein konkretes Ziel, eine konkrete Bestimmung in unserem Leben haben, die auf einen bestimmten Lebens- und Wirkensbereich, auf besondere Umstände und Begabungen abgestimmt ist. So differenziert sich menschliche Größe in verschiedenen Formen aus. Wir kennen große Könige und Herrscher, große Krieger und Helden, große Künstler, große Heilige, große Forscher. Je größer sie waren, umso weniger ging es ihnen um sich selbst - umso mehr war ihnen bewußt, daß ihre Größe im Dienst einer Sendung stand, die letztlich im Willen Gottes mündete. So rühmte sich ein Künstler wie Johann Sebastian Bach, der mit seiner Musik ein Stück Himmel auf die Erde herabholte, nie seiner Begabung, sondern unterschrieb jedes seiner Werke mit dem Kürzel S.D.G. - Soli Deo Gloria (Gott allein sei die Ehre). Größe bedeutet also nicht Selbstverwirklichung im heute modischen Sinne, sondern ist im Gegenteil mit größtem Opfermut verbunden: der Bereitschaft, das eigene Selbst einem höheren Impuls, einer Mission oder Aufgabe unterzuordnen. Die Römer wußten das, wenn sie den Marcus Curtius als eines ihrer großen Vorbilder verehrten. Dieser Soldat hatte sich in eine Felsspalte geworfen, die sich mitten in Rom aufgetan hatte, um - wie es ein Orakelspruch verlangt hatte - den Göttern das zu opfern, wovon die Macht und das Wohl Roms am meisten abhänge.

So ist es kein Wunder, daß gerade das Schlachtfeld noch immer einen besonderen Bewährungsort für menschliche Größe darstellte. Soldaten, die bereit sein müssen, ihr ganzes Leben in die Waagschale zu werfen, um des größeren Wohles ihres Landes willen, werden allein durch diese ihre Aufgabe zur Größe erzogen - zur Größe des Heldenmutes, der Tapferkeit, der Kameradschaft - und auch der unbedingten Opferbereitschaft. Das ist der Stoff, aus dem große Menschen geschmiedet wurden. Ein gesundes Volk ehrt immer seine Krieger, denn auch in Phasen von trügerischer Ruhe und Frieden ist es sich - wie Marcus Curtius und die alten Römer - stets bewußt, daß seine Macht und sein Wohl von ihnen abhängen.

Quantität und Qualität

Einzelne große Menschen können Gewaltiges bewirken. Das relativiert die zahlenmäßigen Vergleiche im Politischen - “wieviel Prozent” eine bestimmte politische Kraft aufbringt, ist nicht entscheidend für ihre Durchschlagskraft. Im heute allgegenwärtigen demokratischen Denken hat jeder Mensch genau eine Stimme und daher das gleiche Gewicht, es ebnet die Unterschiede zwischen großen und kleinen Menschen ein. Die Wirklichkeit sieht anders aus, wie es schon Aesop lehrte:
Eine Füchsin, die auf ihre Fruchtbarkeit stolz war, schalt eine Löwin, daß sie nur ein einziges Junges zur Welt brächte. Die Löwin antwortete ihr darauf: »Fürwahr, ich bringe nur eines zur Welt, aber dieses einzige ist ein Löwe.«
Ein einziger großer Mensch kann für den Erfolg einer Schlacht entscheidender sein als ein Heer von Parteigängern. Auch im Kriege spielt zwar die zahlenmäßige Überlegenheit eine Rolle, aber ein unfähiger Führer kann die Truppen trotz zahlenmäßiger Überlegenheit ins Verderben führen, so wie ein kluger Stratege eine zahlenmäßige Unterlegenheit wettmachen kann.

Die Größe ist daher in gewisser Weise ein natürliches Gegenstück zur Menge, zu den Vielen. Sie hebt die Menge nicht auf, aber gibt dem ganzen Haufen Ziel und Richtung - oder macht ihm das eigene Ziel wenigstens sichtbar, hilft ihm, sich zu focussieren. Sich selbst überlassen, ohne Vorbilder, Anleitung und Führung zu haben, geraten die Menschen in einer taumelnden Abwärtsbewegung hin zum berühmten letzten Menschen Nietzsches, der all seine Spannkraft und Formkraft verloren hat, der seine Tage auf Watte gebettet in einem belanglosen, widernatürlichen Einerlei dahinbringt:

»Wir haben das Glück erfunden« – sagen die letzten Menschen und blinzeln.

Sie haben die Gegenden verlassen, wo es hart war zu leben: denn man braucht Wärme. Man liebt noch den Nachbar und reibt sich an ihm: denn man braucht Wärme.

Krankwerden und Misstrauen-haben gilt ihnen sündhaft: man geht achtsam einher. Ein Thor, der noch über Steine oder Menschen stolpert!

Ein wenig Gift ab und zu: das macht angenehme Träume. Und viel Gift zuletzt, zu einem angenehmen Sterben.

Man arbeitet noch, denn Arbeit ist eine Unterhaltung. Aber man sorgt dass die Unterhaltung nicht angreife.

Man wird nicht mehr arm und reich: Beides ist zu beschwerlich. Wer will noch regieren? Wer noch gehorchen? Beides ist zu beschwerlich.

Kein Hirt und Eine Heerde! Jeder will das Gleiche, Jeder ist gleich: wer anders fühlt, geht freiwillig in's Irrenhaus. »Ehemals war alle Welt irre« – sagen die Feinsten und blinzeln.

Man ist klug und weiss Alles, was geschehn ist: so hat man kein Ende zu spotten. Man zankt sich noch, aber man versöhnt sich bald – sonst verdirbt es den Magen.

Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht: aber man ehrt die Gesundheit.

»Wir haben das Glück erfunden« – sagen die letzten Menschen und blinzeln –

Schein-Größe im Massenzeitalter

Und obwohl er das Glück erfunden zu haben meint, ist der Massenmensch zutiefst unglücklich. Er fühlt sich - zu Recht - um seine Würde betrogen, um das, was sein Menschsein ausmacht. Wenn aber der Zeitgeist jede Form von Idealismus in den Boden gestampft hat, kann er sich nicht auf das Wesen echter Größe besinnen. Er versucht, die äußeren Formen der großen Menschen nachzuahmen: daß jemand in einer bestimmten Sache vor allen anderen hervorsticht, daß er etwas Besonderes ist, daß Menschen ihn bewundern, daß er reich ist und erfolgreich und so seinem langweiligen Dasein als Massenmensch entrinnen kann. So entstehen der heutige Star-Kult (dem keine aufrichtende Kraft innewohnt, da er allein nach dem Erfolg bei der Masse strebt, also in der Horizontalen verbleibt), Hot Dog Eating Contests, das Guinness Buch der Rekorde - der Rekord um des Rekordes willen, eine traurige Karikatur echter Größe. Und doch zeigen diese Aktivitäten - bei aller verkommenen Reduktion auf das bloße Erheischen von Aufmerksamkeit - daß die Sehnsucht nach Größe im Menschen angelegt ist. Es ist nichts Verwerfliches darin, nach Exzellenz zu streben!

Größe setzt oft eine hohe Begabung voraus, aber diese Tatsache an sich macht nicht das Wesen der Größe aus, sie ist nur eine Begleiterscheinung. Größe ist nicht bloß die Zelebrierung einer Besonderheit. Sie ist nicht Sache eines Kuriositätenkabinetts, nicht irgendeine ins Extrem ausgeprägte Spezialität, die in der gaffenden Menge ein “Ah” und “Oh” hervorruft, sondern Größe ist im Gegenteil eine besonders vollkommen instanziierte Gesamtform des Menschseins. Man sollte bei menschlicher Größe nicht an eine besondere Spezialbegabung denken, als vielmehr an das volle Ergreifen des Menschseins an sich, etwa im Sinne des von Goethe formulierten Ideals:

Wenn die gesunde Natur des Menschen als ein Ganzes wirkt, wenn er sich in der Welt als einem großen, schönen, würdigen und werten Ganzen fühlt, wenn das harmonische Behagen ihm ein reines, freies Entzücken gewährt, dann würde das Weltall, wenn es sich selbst empfinden könnte, als an sein Ziel gelangt aufjauchzen und den Gipfel des eigenen Werdens und Wesens bewundern.
Daß diese Art von Größe nichts mit dem Haschen nach Rekorden und Superlativen zu tun hat, bestätigt auch “der letzte Samurai” Yukio Mishima (1925-1970):
Heute sind die Baseballspieler und die Fernsehstars die großen gefeierten Leute. Wenn einer über spezielle Fähigkeiten verfügt, mit denen er die Öffentlichkeit fasziniert, mag er immer seine komplexe Persönlichkeit darangeben und zu einer Marionette dieser Technik werden, er entspricht damit dem Ideal unserer Zeit. Insofern besteht zwischen dem (darbietenden) Künstler oder Unterhaltungskünstler und dem Techniker kein Unterschied.
Das Agens der Größe, ihre treibende Kraft, ist die tief gespürte innere Sendung - und niemals ist es bloß der Wunsch, dem Dasein als einer von vielen, als sterblicher, einmal im Nichts des Vergessens verschwindender Mensch zu entkommen. Wer sich nur aus dem Wunsch nach Aufmerksamkeit ans Licht der Öffentlichkeit kämpft, gibt nur ein trauriges Zerrbild wahrer Größe ab, eine Parodie, da er sich von den wahrhaft Großen nur dieses eine abgeschaut hat: daß sie eben auch die Aufmerksamkeit der Vielen haben (worauf es ihnen aber nie primär ankam). Wieviel wird zerstört in Menschenseelen, die zu solchen falschen Helden aufblicken!

Vom Kult des Kleinen

Noch schädlicher aber als alles Streben nach Rekorden und Aufmerksamkeit - sind es doch pervertierte Formen eines im Kern immerhin guten Antriebs zur Größe - ist der grassierende Kult des Kleinen, politisch gefördert durch die Gleichheitsideologie und unser demokratisches Zeitalter. Bedeutet Größe, wie oben definiert, das Streben nach Ausfüllen der Form, so setzt die Kleinheit dem die Vergessenheit der Form entgegen. Das paßt weltanschaulich sehr gut zum Materialismus, der alle Zielursachen in der Welt zum bloßen Anschein erklären will, der “in Wahrheit” (hier also doch “in Wahrheit”!) durch Säfte und Kräfte rein mechanisch zustandekomme. Immer in der Pose moralischer Empörung über alle Ungleichheiten wird schließlich alles Höherstehende, alles Edle, alles Bedeutende abgeschliffen, was dem einzelnen Menschen Würde und Tiefe geben könnte. So spricht der übellaunige Zwerg zum Riesen: “Ich bin klein, und du bist groß, das ist ungerecht. Wenn du das nicht einsiehst, wenn du dich nicht freiwillig kleinmachst und mit einem Buckel herumläufst, wenn du deine Lektion in Bescheidenheit nicht lernst, bist du böse. Auf jeden Fall muß deine Größe kleingeredet und dem Spott preisgegeben werden, da ich sie nicht ertrage.” Getarnt durch die Rede von Humanität und Mitmenschlichkeit, befördert dieser Kult der Bedeutungslosigkeit eine mächtige kulturelle Abwärtsbewegung: denn dem einzelnen wird ja jede Motivation genommen, seine Anlagen zu entwickeln.

Ein Klima für Größe

Eine Gesellschaft wird dann am besten gedeihen, wenn sie der Größe Raum gibt - man muß sich ermuntert fühlen, in allem Tun nach Exzellenz zu streben. Aber nicht nach der Exzellenz des Rekordes, die keine wahre Größe ist. Es ist keine Größe, durch schlaue Geschäftigkeit ein Millionenvermögen anzusammeln, auch wenn das heute vielfach als Größe angesehen wird. Es ist keine Größe, mit künstlerischen oder gastronomischen Produktionen den heutigen Massengeschmack zu treffen. Menschen, die darin gut sind, mögen zwar für kurze Zeit Popularität genießen, aber von Dauer ist ihr Werk nicht.

Wahre Größe hat auch immer eine Rückbindung an die Gemeinschaft, in der und für die sie erblüht. Die oben aufgezählten Beispiele der Größe zeigen das: große Könige, große Kämpfer, große Forscher, große Heilige - sie alle hatten nicht ihr eigenes Wohl im Auge, sie waren keine "net wealth optimizer", sondern was sie schufen und für was sie lebten, war immer auch ein Dienst an ihrer Gemeinschaft, diente dem summum bonum und nicht nur ihrem eigenen net wealth.

Erziehung und Bildung

Einen wichtigen Anteil daran, ein positives Verhältnis zur Größe zu vermitteln, tragen die Erziehung und die Bildung - durch die Eltern wie durch staatliche Lehranstalten. Wenn hier gute Gärtnerarbeit geleistet wird, profitiert die ganze Gesellschaft von den Früchten.

Auch das Gedenken an große Menschen vergangener Zeiten muß einen angemessenen Platz in der Gegenwart haben.

Um das positive Gemeinschaftsgefühl in der Seele zu verankern, in den sich das Handeln einfügen sollte, gibt es nach wie vor kein besseres Lern- und Übungsfeld als die Familie. Die Versuche, die Familie abzuschaffen und an ihre Stelle ein "kollektives Bewußtsein" der Weltgemeinschaft herbeireden zu wollen, sind vor allem eines: leeres Gerede. Die Familie ist der Ort, in dem geboren wird, also Leben weitergegeben wird von den Früheren an die Zukünftigen. Die Eltern stehen da als "priesterliche Mittler zwischen dem, was vorher war und dem was sein wird" (Pfr. Hans Milch). Dieser Ort, an dem neues Leben entsteht, ist die Keimzelle der Gesellschaft, der Nation, deren Wortherkunft von nasci, geboren werden, schon deutlich sagt, daß sie durch eine gemeinsame Herkunft begründet ist, durch gemeinsame kulturelle wie auch biologische Traditionslinien, die es in die Zukunft hinein zu erhalten und zu pflegen gilt.

Was wir heute vorfinden, ist in alledem das gerade Gegenteil. Es ist, als legten es herausfordernde Gegenmächte geradezu darauf an, alles Große und Erhabene zu verhöhnen, zu verspotten, in den Dreck zu ziehen und alles Streben nach Größe zu verhindern.

Der Eindruck, daß hier im Verborgenen feindliche Kräfte oder Gruppen wirken, ist sicher kein Hirngespinst - ich bin überzeugt von der Existenz solcher Gegenmächte, aber sie können sich nur entfalten aufgrund der Zustimmung der Vielen, die ohne äußere Anleitung in eine freie Abwärtsbewegung geraten, weil ihnen die Selbstdisziplin und moralische Spannkraft dafür fehlen, ein Leben oberhalb der nackten Bedürfnisbefriedigung zu leben. Die Dinge, sich selbst überlassen, fallen den Gesetzen des Abbaus und Verfalls anheim, sie werden zum Opfer von Rost und Motten, verlieren ihren Glanz, verderben, verrotten und verfaulen, wenn nicht beständige pflegende oder veredelnde Arbeit an ihnen geleistet wird. Das gilt wie für jedes Ding so auch für den Menschen.

Ehe und Familie

Einige starke Verfallskräfte sind geistig im Kulturmarxismus der Frankfurter Schule zu verorten. Eine ihrer Früchte, die Emanzipationsbewegung klagte über einen gesellschaftlichen Zwang, der Frauen angeblich zu Heim, Herd und zum Kinderkriegen drängen würde - und etablierte dafür einen gesellschaftlichen Zwang für Frauen, Heim, Herd und Kinder wie die Pest zu meiden, weil es sich um unwürdige Sklavenarbeit handele, die eine gewaltige mythische, in Urzeiten zurückreichende Verschwörung der Männer, das sogenannte Patriarchat, ihnen aufgebürdet habe. Eine heutige Partnerschaft hat demnach auch nichts mehr mit einer traditionellen Ehe und Familie zu tun, die immer vor allem als ein schicksalhaft gegebenes Spannungs- und Übungsfeld der Sozialität, der Liebe, der Treue, der Moralität angesehen wurde, als eine Lebensgemeinschaft, die durch ein bindendes Versprechen über die Launen der einzelnen erhoben ist und sich in der genannten priesterlichen Mittlerstellung zwischen Vergangenheit und Zukunft befindet.

Im Unterschied hierzu ist eine heutige Partnerschaft eine zum gegenseitigen sexuellen Nießbrauch eingegangene Wohngemeinschaft zweier oder mehrerer Menschen beliebigen Geschlechts, die auch jederzeit beendet werden kann, wenn es sich für einen der Beteiligten “nicht mehr richtig anfühlt” oder er sich durch die Beziehung in seinem Drang nach Freiheit und Selbstbestimmung eingeengt fühlt. Dink (double income no kids) ist das Ideal heutiger Lebensabschnittsbeziehungen. Wer sich doch Kinder erlaubt, zur Abwechslung, weil sonst die Monotonie und Sinnlosigkeit der Lebensführung allzu offenkundig würde, hat zu wenig Zeit für sie und sucht sie so bald wie möglich an staatliche Einrichtungen abzuschieben, weil sie ihn stressen. Dann geht es zwar für ihn wieder, aber die nach Aufmerksamkeit hungernden Kinder, denen die eigenen Eltern ihr Recht auf eine familiäre Hülle genommen haben, werden zu einer schweren Last für chronisch überforderte Erzieher, Tagesmütter, Betreuerinnen und Lehrer. Lehrer sehen sich plötzlich in der Aufgabe, Erziehungsleistungen zu vollbringen, die früher selbstverständlich von den Familien erwartet wurden. Insbesondere wurde es versäumt, Disziplin und Gehorsam einzuüben. Das macht es Lehrern, selbst wenn sie es wollten, kaum noch möglich, die Kinder zu Leistungen anzuspornen, bei denen sie an ihre Grenzen kommen.

Viele Lehrer wollen das aber auch gar nicht, denn die marxistischen Dozenten an ihrer Pädagogischen Hochschule haben ihnen beigebracht, daß ein guter Unterricht vor allem egalitär und inklusiv sein muß, daß der Lehrer sich am besten auf die Stufe des Kindes begibt (“es da abholt, wo es steht”) und ihm so wenig Vorgaben wie möglich macht. Das begabte Kind sollte, um möglichst nicht anzuecken, sein Licht unter den Scheffel stellen und sich mit dem allgemeinen Durchschnittsniveau zufriedengeben. Nur so könne endlich die neue Gesellschaft gleicher Menschen entstehen, in der es kein soziales Oben und Unten mehr gebe, sondern alle Menschen den gleichen Rang haben und sich brüderlich die Hände reichen.

Disziplin und Autorität

Bernhard Bueb, langjähriger Leiter des Internats Schloß Salem, schrieb in seiner Studie Lob der Disziplin (2006), wie der in der Menschennatur verankerten, auf Autorität und Gehorsam gegründeten traditionellen Pädagogik ab 1968 andere, oft experimentelle Erziehungsparadigmen folgten und die Ansicht schließlich allgemein wurde,
Erziehung bis in die letzten Winkel der Kinderzimmer zu demokratisieren. Das Gespräch, die Verabredung, die Vereinbarung und die Diskussion bilden seither das Fundament der Erziehung. Eltern und Lehrer geben sich als Partner von Kindern und Jugendlichen, das natürliche Machtgefälle wird zugunsten eines vernünftigen Diskurses unter Gleichen aufgehoben. Eltern ließen sich - vor allem in den siebziger und achtziger Jahren - nicht mehr als Vater und Mutter ansprechen, sondern mit Vornamen, in der einen oder anderen Schule duzten Schüler die Lehrer. Hierarchien wurden auf ein Minimum reduziert. Dieser demokratische Geist in der Erziehung ist inzwischen Gemeingut geworden, ein Stück deutscher pädagogischer Kultur, deren Kinder wir mehr oder minder alle sind. Gemeinsam ist allen die zu lobende Bemühung, Kinder und Jugendliche zu achten, sie nicht zu unterdrücken oder zu demütigen, sondern ihnen ein Umfeld zu schaffen, das ihr Aufwachsen fördert. Ebenso gemeinsam ist aber allen, ihren Anspruch auf Erziehung im täglichen Leben bis zu den kleinen Regelungen des Umgangs und Zusammenlebens zu rechtfertigen. Sekundärtugenden wie Ordnung, Pünktlichkeit, Fleiß oder höfliche Umgangsformen gelten nicht mehr selbstverständlich. Die Forderung nach Disziplin und Gehorsam gilt als undemokratisch und daher inhuman.
All dies ist offensichtlich Gift für eine Kultur, die um Pflege von Größe bemüht sein will. Der Passus macht zudem deutlich, daß diese der menschlichen Natur zuwiderlaufende Entwicklung einer Totalisierung des demokratischen Gedankens entspringt. Demokratie, die als Mehrheitsprinzip in sich wertneutral lediglich eine Methode der gemeinschaftlichen Entscheidungsfindung darstellt, wird zur höchsten, allgültigen moralischen Norm erhoben. Das ist einer der Punkte, an dem Moral zu Hypermoral umschlägt.

Umschlag der totalen Demokratie in die Tyrannis

Mit dieser Tendenz der Demokratie zur maßlosen Übertreibung ihres eigenen Prinzips spreche sich die Demokratie schließlich ihr eigenes Todesurteil aus und schlage in die Tyrannis um, beschrieb schon Platon in seiner Politeia: der Drang nach Freiheit von aller Unterordnung finde keine natürliche Gegenkraft oder Grenze mehr, breite sich also immer weiter aus und dringe in jeden Winkel der Gesellschaft ein, sogar bis in das Familienleben,
(...) wenn etwa ein Vater sich gewöhnt, einem Knaben ähnlich zu werden, und sich vor seinen Söhnen fürchtet, wenn dagegen ein Sohn den Vater spielt und weder Scham noch Furcht vor seinen Eltern hat, damit er nämlich frei sei, wenn der Abhängige sich dem gleichstellt, von dem er abhängig ist, und der Bürger sich seinen Abhängigen gleichstellt, und ebenso zum Ausländer auf gleiche Weise.

Und es bleibt dabei nicht allein, sondern es ereignen sich auch noch andere Kleinigkeiten folgender Art: Der Lehrer fürchtet seine Schüler und schmeichelt ihnen, die Schüler haben keine Achtung vor den Lehrern und so auch vor ihren Erziehern. Und überhaupt spielen die jungen Leute die Rolle der Alten und wetteifern mit ihnen in Wort und Tat, während die Alten sich in die Gesellschaft der jungen Burschen herbeilassen, dabei von Witzeleien und Späßen überfließen, ähnlich den Jungen, damit sie nur ja nicht als griesgrämig, nicht als herrisch erscheinen.

Darauf sagte ich weiter, aber das Äußerste was an Freiheit in einem solchen Staate zum Vorschein kommen kann, tritt ein, wenn bekanntlich die Abhängigen ebenso frei sind wie die, von denen sie abhängig sind. Wie weit aber auch in dem Verhalten der Weiber zu Männern und der Männer zu den Weibern, wie weit da die Gleichheit und Freiheit geht, das hätte ich beinahe vergessen zu erwähnen. (...)

Wenn du alle diese Erscheinungen zusammen nimmst, fuhr ich fort, siehst du nun ein, was das Allerschlimmste hierbei ist? Daß sie die Seele der Bürger so empfindlich machen, dass sie,wenn ihnen jemand auch nur den mindesten Zwang antun will, sich alsbald verletzt fühlen und es nicht ertragen, ja endlich, wie du wohl weißt, verachten sie gar alle Gesetze, die geschriebenen wie die ungeschriebenen, um nur keinen Gebieter in irgend einer Beziehung über sich zu haben.

Das also, sagte ich, ist denn der Anfang, woraus die Staatsform der Tyrannis erwächst, wie ich glaube.

Liberalismus und gute Volkserziehung

In liberalen Kreisen klagt man oft über die “Erziehungsmedien” und die unerwünschte Volkserziehung (zur Dramatisierung gern mit einem kleinen Nazi-, “Stürmer”- oder Goebbels-Vergleich aufgehübscht) und strebt an, den Einfluß des Staates auf ein Minimum zu reduzieren, indem man behauptet, Staat an sich sei schlecht, und je weniger Staat, umso besser. Es stimmt zwar, daß unsere heutigen Staaten mit ihrer Macht und den zur Verfügung gestellten Steuergeldern großteils Unsinn, Verschwendung und Verbrechen produzieren. Daß dies aber immer so sein müsse, daß Unsinn, Verschwendung und Verbrechen also quasi zu den Merkmalen von Staatlichkeit an sich gehöre, heißt es mit der Kritik zu übertreiben. Eine alte römische Rechtsregel lautet: abusus non tollit usum - der Mißbrauch hebt den rechten Gebrauch nicht auf. Die pauschale Verurteilung aller Staatlichkeit, nur weil unsere gegenwärtigen Staaten sich hinter einer mehr und mehr bröckelnden Fassade von Demokratie, Gewaltentrennung und Rechtsstaatlichkeit als vollkommen verrottet erweisen, schüttet gleichsam das Kind mit dem Bade aus.

Die Geisteskrankheit, die zu solchen Urteilen verleitet, ist die erwähnte Blindheit für die Form, die Idee, den Sinn, den Zweck, die Natur einer Sache, der wir in der Neuzeit verfallen sind. Daraus, daß sich eine Sache als pervertiert zeigt, folgt aber nicht, daß sie von ihrem ursprünglichen Aufbau her notwendig dahin führt, also diese Perversion bereits in sich trägt. Es ist also nicht die Volkserziehung an sich etwas Schlechtes, ebensowenig wie staatliche Autorität an sich etwas Schlechtes ist - sondern die Menschen, die heute die Volkserziehung betreiben und die heute herrschen, üben ihr Amt sehr schlecht aus. Der Grund dafür liegt darin, daß sie nicht mehr das summum bonum im Auge haben, das Ideal, das allein ein Volk mit seinen Führern einen kann. Hinter aller Größe steht nämlich ein Größtes, auf das hin alles gerichtet ist. Wenn dies nicht mehr gesehen wird, verfällt auch die Demokratie zu einem Kampf verschiedener Cliquen oder Lobbies gegeneinander.

Der Liberalismus als Kult um eine inhaltlich unbestimmte menschliche Freiheit, als ein bis ins Lächerliche übertriebenes “frei von”, ohne jedes “frei zu”, ist also der eigentliche Totengräber der Demokratie: sie frißt sich umso mehr selbst auf, je mehr sie diesem unbestimmten Freiheitsdrang freien Lauf läßt. Der Kult um die inhaltlich unbestimmte Freiheit ist eine geistige Faulheit, geboren aus der Feigheit, selbst Stellung zu beziehen und Verantwortung zu übernehmen.

Den Weg bereiten

Dennoch halte ich es für möglich, daß wir dieser bedrohlichen Abwärtsbewegung noch Einhalt gebieten können. Nicht nur aus dem bisher Beschriebenen, sondern grundsätzlich ist es ja klar, daß Qualität Quantität sticht: es ist keine große Zahl von Menschen nötig, um eine Gegenkraft aufzubauen. Eine wenn auch zunächst kleine Gegenkultur, die sich dem allgemeinen Verfall entgegenstellt, indem sie zu den naturgemäßen Formen der Erziehung, der Bildung, des Umgangs miteinander zurückkehrt und die das Christentum pflegt, um sich zu Gott hin auszurichten, tut nicht nur das, was jeder einzelne bei genauer Gewissensbetrachtung als das für ihn persönlich Richtige erkennen dürfte, sondern er wirkt als Ferment und bereitet den Weg für die Zeit, wenn die schon heute sichtbar zunehmende Unzufriedenheit mit den herrschenden Verhältnissen zu einem Elitenwechsel führt.

Das mag zwar zuweilen nicht einfach sein, aber es ist sinnvoll und ursprünglich und führt uns heraus aus den flachen, seichten Gewässern, deren Erosionskräfte bald alle menschliche und gesellschaftliche Substanz verschlissen haben können. Natürlich gilt es bei aller Arglosigkeit auch klug zu sein, denn in nichts ist das herrschende System besser als im Einsaugen und Unschädlichmachen von Widerstand - Botho Strauß beschreibt diese Gefahr in seinem Anschwellenden Bocksgesang (1993):

Es ist überhaupt keine Frage, daß man glücklich und verzweifelt, ergriffen und erhellt leben kann wie eh und je, freilich nur außerhalb des herrschenden Kulturbegriffs. Was sich stärken muß, ist das Gesonderte. Das Allgemeine ist mächtig und schwächlich zugleich. Der Widerstand ist heute schwerer zu haben, der Konformismus ist intelligent, facettenreich, heimtückischer und gefräßiger als vordem, das Gutgemeinte gemeiner als der offene Blödsinn, gegen den man früher Opposition oder Abkehr zeigte.
Bereitet den Weg! So will ich adventlich mit Johannes dem Täufer schliessen, der den Menschen damals das Μετανοεῖτε zurief: ändert euren Sinn, eure enge und falsche Art, die Dinge zu sehen, ihr Menschen! Seht die Welt wieder richtig! So wurde für viele das Krumme gerade, die Lüge schwand dahin, Blinde wurden sehend und Lahme gehend. Damals im Menschheitsadvent wurde das allergrößte Urbild des Menschen Gestalt. Im Kleinen passiert das auch beim politischen Aufbruch, den wir erwarten und auf den wir hinarbeiten: die Verblendung durch Reduktionismus, Relativismus, Materialismus, Atheismus, in die wir uns jahrhundertelang grimmig immer tiefer hineingefressen haben, schwindet dahin - immer mehr Blinde nehmen heute die rote Pille und sehen die Dinge, wie sie wirklich sind, und Mutlose schöpfen Kraft und werden aktiv. Und auch diesmal geht es darum, die Natur, auf die hin die Menschen und die Völker angelegt sind, zu erkennen und zu leben. Das ist die aktive Re-Aktion, der wir uns verschrieben haben, weil wir das Lebendige lieben.