Montag, 28. Juni 2010

Ilsebils Problem

Das "Märchen vom Fischer und seiner Frau" erzählt uns Ilsebils Biographie:

Ilsebil war die Frau eines armen Fischers, der eines Tages das Glück hatte, einen sprechenden Butt zu fangen. Aus Respekt vor dessen ungewöhnlicher Begabung liess er ihn wieder frei. Als Ilsebil davon erfuhr, schickte sie ihn an den Strand zurück, denn sie war der Ansicht, dass man noch eine Gegenleistung für diese gute Tat aus dem Butt herausschlagen könnte, z.B. eine Wohnung von angemessener Qualität, statt des elenden Lochs (des "ollen Pisspotts"), in dem sie lebten (ihren Mann schienen die prekären Wohnverhältnisse ja nicht zu stören - tja: Männer!). Auf des Fischers Rufen erschien der Butt und kam ihrem Wunsch tatsächlich nach. Doch unfähig, sich mit einem erfüllten Wunsch zu bescheiden, schickte Ilsebil ihren Fischermann immer wieder an die See, damit der Butt ihr weitere Wünsche erfüllte. Sie liess sich vom Butt zum Bürgermeister, zur Königin, zur Päpstin machen. Aber die Unzufriedenheit blieb. Dann kostete sie der frevelhafte Wunsch, Gott zu werden, alles bisher Erreichte, und die beiden sassen schliesslich wieder dort, wo sie schon am Anfang der Geschichte gesessen hatten: In ihrem "ollen Pisspott".

Es ist naheliegend, dieses Märchen als Warnung vor dem menschlichen Hochmut zu deuten. Ist es nicht bloss eine Illustration des Sprichworts "Hochmut kommt vor dem Fall"? Daran ist sicher etwas. Meiner Ansicht nach greift diese Erklärung aber zu kurz. Woher kommt denn dieser Hochmut? Was ist eigentlich Ilsebils Problem?

Wenn wir Ilsebil ihrem Partner gegenüberstellen, wird einiges deutlich. Der Fischer ist grossherzig und freigebig, nicht berechnend: Er gibt den Butt einfach wieder frei und denkt gar nicht daran, dass man für diese Tat etwas verlangen könnte. Er ist auch mit seiner Lage zufrieden, es ist für ihn "in Ordnung" - er hat noch nicht einmal darüber nachgedacht, ob man sich nicht wohnlich verbessern könnte. Als der Butt sie mit einem prächtiges Haus beschenkt, staunt der Fischer, freut sich und sagt: "So soll's bleiben, nun wollen wir recht vergnügt leben." Nach nur einer kurzen Weile verdüstert sich aber Ilsebils Stimmung, und sie strebt nach Höherem - wieder schickt sie den Fischer aus. Der Fischer sagt bei sich: "Es ist nicht recht". Aber aus Loyalität zu der Frau, seiner Partnerin, der er sich in der Ehe versprochen hat, fügt er sich in ihren Willen.

Was also ist Ilsebils Problem? Aus der Gegenüberstellung mit ihrem Mann wird es klar: Ihr Problem ist die Sorge. Sie ist unfähig zur Lebensfreude, kann ihr Leben nicht geniessen. Die Sorge treibt sie immer weiter, einem unbestimmten Ziel entgegen. Sich auf dem Erreichten auszuruhen und es zu geniessen, wie es der Fischer ihr immer wieder vorlebt und vorschlägt, ist ihr nicht möglich. Der Wunsch nach besseren Wohnverhältnissen und höherem Status sind nur eine Folge dieser Unfähigkeit zum Lebensgenuss. Um diese Unfähigkeit nicht wahrhaben zu müssen, projiziert sie ihr Problem in die Aussenwelt: die Verhältnisse sind schuld an ihrer Unzufriedenheit. Sie versucht verzweifelt, diese Verhältnisse zu verändern - denn natürlich spürt sie, dass ihr etwas fehlt. Aber nach der Wanderung durch alle möglichen Verhältnisse wird sie erkennen müssen, dass ihr Problem bestehen bleibt, weil es in ihr selbst liegt.

Ich sehe das Märchen als eine Warnung vor dem Dämon der Sorge. Das vereinseitigte Sich-Sorgen, ohne das Gegengewicht der Lebensfreude, lähmt die höchsten und edelsten Antriebe. Dann macht die Sorge den Menschen klein, raubt ihm seine Ideale, den Optimismus, die Tatkraft und letztlich alle positiven Gefühle. Nur wer geniessen und sich freuen kann und dabei im Herzen sowohl bescheiden als auch grosszügig bleibt, kann auch in diesem Leben etwas Substantielles schaffen und hoffnungsvoll voranschreiten auf einem selbstgewählten Weg - statt sich im Vegetativen, in der Sorge um die täglichen Dinge, um Essen, Trinken, Wohnen, Schlafen, Kleidung, Mode, Aussehen, Ansehen usw. zu erschöpfen.

Astrologisch ist Ilsebil ein Saturn-, ihr Mann ein Jupitersymbol. Alle aufgeführten Attribute des Mannes sind Jupiterattribute, einschliesslich des Fischerberufs (die Fische sind Domizil des Jupiter). Die Sorge aber ist dem Saturn zuzuordnen. Man könnte einwenden, dass das Motiv der Unbegrenztheit, hier der unbegrenzten Vermehrung von Macht und Gütern, eher Jupiternatur habe. Aber diese Art der Unbegrenztheit ist nicht die jovische, aus vollem, weitem Herzen schöpfende Fülle, sondern eine Frucht von Engherzigkeit und Sorge. Sie trägt etwas Zwanghaftes, ist letztlich aus der Not geboren. Es hätte zur Illustration auch irgendeine andere Tretmühle als die der Macht gewählt worden sein.

In diesem Zusammenhang gibt das Märchen, in deren Protagonisten wir ja auch gewisse geschlechts(rollen)typische Züge zu erkennen glauben, der Geschlechterfrage eine interessante Wendung: Statt der wohlbekannten Polarität von Mars und Venus lädt dieses Märchen dazu ein, die Geschlechter im Lichte der Jupiter-Saturn-Polarität zu beleuchten. Vielleicht passt es auch in diese ungewohnte Typologie, wenn in einer gemeinsamen Studie von Neurowissenschaftlern und Ökonomen nun ermittelt wurde, dass das übel beleumundete Testosteron, dessen Sklaven wir Männer ja angeblich sind und dem wir unsere Aggressionen und Sexgier zuschreiben sollen, in Wahrheit offenbar umgekehrt wirkt, indem es zu fairen, klaren und kooperativen Angeboten geneigt macht! [1]

In diesem Lichte liegt die grösste Gefahr für den Mann in der Übertreibung des Jupiterprinzips: Im Rauschhaften, im Sich-Selbst-Überheben, in der sich selbst verleugnenden grenzenlosen Hingabe, in einer zu grossen Risikofreude und Leichtfertigkeit im Umgang mit seinem Besitz, ja mit seiner ganzen Existenz. Die grösste Gefahr für die Frau läge dagegen darin, sich in ihrem Leben auf das Reich der Notwendigkeit zu beschränken, allen höheren Perspektiven abzuschwören und nur noch von der Sorge um das Alltägliche und Grundlegende geleitet zu werden.


[1] Christoph Eisenegger, Michael Naef, Romana Snozzi, Markus Heinrichs, Ernst Fehr: Prejudice and truth about the effect of testosterone on human bargaining behaviour, Nature 463, 356-359 (21.1.2010) - doi:10.1038/nature08711.

Kommentare :

Gitte hat gesagt…

Ich verfolge Ihre Artikel unregelmäßig und finde sie alle ausgesprochen interessant, anregend und bedenkenswert.

Über "Ilsebils Probleme" hatte ich schon nachgedacht, allerdings nicht aus astrologischer Perspektive. Eine aus meiner Sicht humorige und tiefgründige Perspektive, die Sie da eröffnen.

Danke (!) und alles Gute!

Gitte

Rüdiger Plantiko hat gesagt…

Hallo Gitte,

danke für Ihren Kommentar! Es ist schön zu lesen, dass "da draussen" Menschen sind, die manchmal ähnliche Themen bewegen...

Rüdiger